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fliehender wechsel

15. Juli 2005 - 10:24

früher, wenn meine mutter wählen ging, also artig ihr kreuzchen bei der spd zu machen hatte, wie damals alle im noch roten ruhrpott, dann hat mein vater sie immer hinbringen müssen, weil sie allein diese schäbige spelunke niemals betreten hätte, in die sie zur erfülling ihrer pflicht zitiert war. anschließend blieb er aber dann außen vor, ging selbst niemals zur urne, und wenn ihn jemand fragte, warum denn nicht – blödes wahlvolk muß ja schon mal auf die eine oder andere art animiert werden – verkündete er regelmäßig (grinsend?), daß er (leider?) nicht dürfe. meiner mutter war das höchst peinlich, jedesmal, sie war wohl der auffassung, daß die leute nun glauben würden, daß meine vater durch ein schweres vergehen irgendwelcher bürgerlichen ehrenrechte verlustig gegangen sei. und immer hat sie hinterher mehrfach verkündet, daß sie ihn nie wieder dahin mitnähme. hat sie dann aber schließlich doch, natürlich, wegen der spelunke. ging ja nicht anders.
hintergrund der ganzen sache ist, daß mein vater kein deutscher war, sondern – oh schreck, oh graus! – österreicher, wenn auch im pott geboren, also mit der entsprechenden sprachgestaltung ebenso grundlegend ausgestattet wie mit einer, damals noch obligatorischen, unbeschränkten aufenthaltsgenehmigung. wie im übrigen die ganze familie, wie auch ich und mein bruder, zu anfang zumindest. es ist wiederum meiner mutter zu verdanken, daß sowohl ich als auch mein kleiner bruder – als einzige der engls, bis heute, soweit ich weiß – dieses privileg eingebüßt haben und nunmehr eingedeutscht sind. ich für meinen teil erinnere mich deutlich, dem definitiv nicht zugestimmt zu haben, ganz im gegenteil, und in all den jahren, die seither ins land gingen, war mein einziger trost die tatsache, daß es mir, im gegensatz zu meinem vater, wenigstens nicht verboten war, hin und wieder diese kreuzchen machen zu dürfen.
seit einiger zeit, genaugenommen seit mitte mai, denke ich nun ernsthaft darüber nach, ob es nicht möglich wäre, das ganze irgendwie rückgängig zu machen. gut, es ist lange her, vielleicht hätte ich mich schon früher darum kümmern sollen. aber, ich schwöre, diese eindeutschung ist gegen meinen erklärten willen erfolgt. ich selbst habe das wirklich nie gewollt! kennt sich jemand aus mit solchen sachen? es müßte nur schnell gehen, ich hätte die angelegenheit gerne bis mitte september abgewickelt. dann könnte ich mich diesmal auch hinstellen und einfach sagen: ich darf ja nicht.

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  • inge lütt:
    15. Juli 2005 - 11:50

    ich darf ja auch nicht. einmal gründlich verpennen, sich nach dem auszug aus deutschland ins wählerInnenregister eintragen zu lassen und danke, das war’s. allerdings weilte ich eine zeitlang in felix austria und das in voradelberg, dessen dialekt als freundliche begrüßung tatsächlich “heil” (oder das abgemilderte “heile”) vorsieht. *schauder*
    sollte es tatsächlich überall anders besser sein als in der realität? *grübel*