raum für notizen

welten bewegen (1)

27. März 2013 - 23:18

gestern nacht versehentlich in einer doku über mutterliebe gelandet. stellen sie sich vor, sie können ihrer mutter nicht vertrauen, sagt da ein psychologe, sinngemäß, mit ernster miene. stellen sie sich außerdem vor, sie können auch ihrem vater nicht vertrauen. wem wollen sie dann überhaupt jemals im leben vertrauen?

keine ahnung, warum ich danach die halbe nacht nicht schlafe. ich muß mir das nicht vorstellen, ich weiß das. alles. ich muß mich nur erinnern. und ich muß etwas erklären, denen, die sich diesen zustand vielleicht tatsächlich vorzustellen versuchen. es handelt sich nicht um einen verlust. es ist einfach nur die welt, in die das kind hineingeboren ist. es kennt keine andere, also empfindet es kein manko. die gefangenschaft ist von grund auf normal, der mangel, von anfang an geübt, ist reine gewöhnung. das kind geht damit um, das ist alles. es lebt damit, weil es muß. oder weil es will.

so bin ich aufgewachsen. allein. was es zu lernen gab, habe ich gelernt. das denken und fühlen, der umgang mit beidem. das geht seinen weg wie von selbst, in großer enge wie in tiefer liebe. vermutlich, über letzteres weiß ich natürlich nichts. doch die erforschung der welt ist selbstverständlich, auch die meiner welt. die menschenleer war und gefährlich, wegen der menschen darin. es gibt fehler, die bei all dem passieren. es gibt immer fehler, das ist gut. menschen brauchen ihre fehler. kinder ganz besonders.

meine fehler waren weniger gut für mich. sie standen vor allem anderen zur freien verfügung, als anlaß für alle nur erdenklichen arten der mißhandlung. wie ich nachts die tapeten von der wand riß, weil ich damals schon nicht schlafen konnte. da war ich noch nicht in der schule. wie ich der zerstörung zuhörte, die ich anrichtete. das reißen und kratzen, zwanghaft. ein druckausgleich, denke ich heute. wie ich mir zusah dabei und es doch nicht stoppen konnte. das war verzweiflung. jede nacht aufs neue, ohne ausweg. am tag wurde ich dafür davor fixiert: was hast du dir dabei gedacht? ich wußte es nicht, auch im nachhinein nicht. woher denn?

später die strategien, um über die zeit zu kommen. ein tag nach dem anderen, mehr war nicht drin. das vermeiden und verstecken der eigenen existenz, die ständige selbstverleugnung. das abtauchen, unter der allgegenwärtigen vernichtung, die familie heißt, hindurch. vielleicht ist deshalb das atmen manchmal so schwer, so knapp. fehler machen gehört dazu, zurückweisung, schweigen und lügen zum beispiel. das läßt sich nicht vermeiden. und es wird aufgedeckt, aufgebauscht und kalt aufgetischt. wie ich nicht nach hause wollte nach der schule. weil ich die enge nicht ertragen konnte, den menschen dort nicht begegnen wollte. wie ich stunden durch straßen und über wiesen lief, um für mich zu sein. zu hause gab es keinen raum, keine tür hinter mir bis ich siebzehn war. wie ich freunde erfunden habe, schlecht erfunden, um meine verspätungen, mein ausweichen, mein flüchten, meine ständige angst zu verberben, zu begründen. wie ich davor fixiert wurde, jedesmal: wer einmal lügt!

alles ist lüge. es gibt kein richtig und kein falsch, falsch bin nur ich. das ist es, das muß es sein. und da heraus gibt es keinen weg, selbst wenn das kind ihn womöglich sucht. auch das ist verzweiflung, doch es ist nicht zwangsläufig eine suche nach liebe oder vertrauen. so etwas existiert nicht, diese welt ist eine grundlegend andere. sie ist bodenlos von anfang an. ein ständiges fallen und schweigen darüber.

wie ich angeschrien wurde, über jahre. kinder, die was wollen! wie ich eingesperrt war, in die ecke gedrängt, unter dem tisch verkrochen. stell dich nicht so an! wie ich beschimpft, gedemütigt und geschlagen wurde. was glaubst du, wer du bist! hunde werden mit größerer güte abgerichtet, das kann man heute im fernsehen lernen.

dennoch gibt es in dieser welt irgendwann eine gewißheit, die aus der eigenen existenz wächst. ein vertrauen in körper und geist, die trotz allem so leicht nicht aufhören. zu leben. an dem punkt irren die psychologen womöglich. hinter dem vertrauen in menschen liegt das weit größere vertrauen in die welt. in irgendeine, die sich den kindern öffnet. allen kindern, ohne ausnahme. kein kind ist ohne welt. und da immerhin hatte ich glück, denn meine war mir immer beweglich. und bunt, entgegen alle erwartung.

alle tage | 14 » | plink
  • Annina:
    28. März 2013 - 0:07

    Ein sehr schöner, sehr trauriger Text. Danke für’s Schreiben.

  • casino:
    28. März 2013 - 9:07

    .
    sehr traurig. hugs.

  • ACR Angela Charlotte Reichel:
    28. März 2013 - 9:15

    ich weiss was Du schreibst, friere, bin betroffen, schicke Grüsse, bin sprachlos … aber eben auch nicht … es gibt so viele wie uns …

    ACR

  • lucky:
    28. März 2013 - 9:36

    .

  • creezy:
    28. März 2013 - 9:46

    Ach …! ;-(

    .

  • kelef:
    28. März 2013 - 10:20

    tbc.: wie ich als kind schon beschloss, wenn ich gross bin, dann will ich alleine in einer wohnung leben – das zusammenleben mit anderen menschen war schrecklich, das sah ich ja jeden tag. wie ich als kind beschloss, keine kinder haben zu wollen, weil kindsein so entsetzlich war. wie ein kuss eine grussformel war, so wie händeschütteln oder winken, aber keine zärtlichkeit, kein zeichen von verbundenheit. wie es egal war was man sagte, weil: man sagte sowieso nicht die wahrheit, und wie man dann beschloss, dass es egal sei ob einem geglaubt wurde oder nicht, es zählte nur dass man selbst wusste dass man die wahrheit sagte, die konsequenzen waren egal.

    das versinken in traumwelten in durchwachten nächten. die vermeintliche erkenntnis der eigenen vermeintlichen wertlosigkeit. die erkenntnis, welche belastung man für die anderen darstellte.

    zu lernen reglos zu erstarren, schmerz- und gefühlfrei, und innerlich ganz weit weg zu sein, in irgendeinem paralleluniversum wohl, körper- und schwerelos. all “das” betrachten lernen wie ein monströses desaster, mit dem man nichts zu tun hat, wie eine ausstellung im museum über erdbeben und feuersbrünste, hinter glas und auf bildern, mit geräuschen vom tonband und vielen bunten lichteffekten.

    es fehlte etwas, ja, aber ich wusste nicht was es sein könnte, woher hätte ich es wissen sollen? und so fehlte es dann eigentlich irgendwie doch nicht, weil ich es ja auch nicht kannte oder benennen konnte.

    ach ja.

  • brigitte:
    28. März 2013 - 10:28

    ja. du. danke. auf die eine und andere weise auch ich.
    mit weit über 50 malt man keine herzchen mehr. ich tus trotzdem. nicht deswegen. einfach so. love you.

  • Liisa:
    29. März 2013 - 3:44

    .

    Danke! … Besonders auch für den letzten Absatz.

  • Georg:
    29. März 2013 - 15:33

    Bewegend!

  • Modeste:
    29. März 2013 - 22:07

    Wie traurig. Sei herzlich umarmt.

    (Gern demnächst auch mal wieder real auf ein Stück Kuchen. Meine Erkältung ist immer noch nicht gut, aber immerhin höre ich mich nicht mehr so übel an.)

  • grenzbotin:
    30. März 2013 - 10:26

    “hinter dem vertrauen in menschen liegt das weit größere vertrauen in die welt. in irgendeine, die sich den kindern öffnet. allen kindern, ohne ausnahme. kein kind ist ohne welt.”

    Manche bleiben immer in dieser Welt gefangen.. gerettet? Ein Leben lang..?

    Berührend. Danke.

  • Kittykoma:
    01. April 2013 - 14:19

    .

  • pitz:
    04. April 2013 - 17:08

    das ist im grunde sehr rationell: einer unerträglichen lage wenigstens eines abgewinnen, indem frau jahre später einen guten text drüber schreibt.

  • fragen — Hotel Mama:
    30. November 2013 - 15:27

    […] goncourts texte und bilder, die so genau wie leichtfüßig sind, seine reisesachen!, frau engls kindheitserinnerungen, frau fragmentes offenbarungen, praschls alter kram, all die schönheit bei der stattkatze,  isas […]


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