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die sprengkraft des tango

09. Dezember 2017 - 11:46

gestern wurde irgendwo auf facebook diskutiert, ob beim tango die frau größer sein kann als der mann. ich will da nicht weiter mitmischen, weil die dortige gastgeberin eben diese diskussion nicht wünscht. sie will für sich einen großen mann, und das ist okay.

aber!

ich platze fast vor irritation ob der dadurch produzierten ausgrenzungen, einschränkungen, bedingungen. große frauen kriegen nie einen passenden tänzer, kleine männer haben eh keine chance, schon gar nicht bei 8cm-gestöckel, wenigstens. überhaupt macht der mann alles, die frau nichts, außer die augen zu und fallenlassen. (also, wenn die augen eh zu sind, wozu ist dann die größe wichtig? aber egal.)

ginge es tatsächlich danach, hätte ich kaum eine chance, jemals tango zu tanzen. zunächst einmal: ich stöckele nicht. nie. ich bin eine schlechte folgende, führe aber immerhin ein wenig besser. hin und wieder. und finde das im grunde auch spannender, weil musikverbundener. ich bin aber nur 168cm groß, wenn das so überhaupt noch stimmt. viele, die ich führe, sind größer als ich. eine der tangofreundinnen ist noch kleiner als ich. und sie ist sicherer und präziser, also deutlich besser als ich, als die meisten.

ich könnte noch bände reden oder schreiben. das tut nicht not, klar ist sowieso: auf einer normalomilonga würde sich niemand (der männer) jemals mit mir abgeben, mich überhaupt nur wahrnehmen. und auf einmal verstehe ich das. ich bin zu groß oder zu klein, zu häßlich oder zu plump, zu unpassend auf jeden fall und ganz und gar falsch. und das ist gut so.

an dieser stelle also ein kleines hoch auf den queer-tango, wo im übrigen, das muß hier wohl mal gesagt werden, nicht etwa nur schwule, lesben, transmenschen und anderes gesocks auch mal miteinander tanzen. so unter sich, schön sauber aussortiert. das wohl auch, das ergibt sich zwangsläufig. die welt ist so, sie macht das nötig, immer noch. aber queer-tango ist das nicht, nicht nur. vor allem werden rollen gewechselt, ständig. führen oder folgen, sich vorwärts- oder rückwärts bewegen. auf die musik hören oder auf die musik und den tanzpartner. folgen ist schwerer, das nur am rande. die erste frage, die geklärt wird, ist nicht die nach der größe, sondern die nach der der aktuellen rollenpräferenz.

und was mich am anfang schwer gebeutelt hat, dieses ständige wechseln, das ist wirklich anstrengend, aber hallo, besonders im kopf, man möchte es nicht glauben. heute ist mir genau das salz und pfeffer im tango, sprengkraft im schädel. mitunter weiß ich sowohl beim zusehen als auch beim selber tanzen nicht mehr so genau, wer folgt und wer führt, weil alles ein gemeinsames wird. was es ja ohnehin ist.

eine musik, eine bewegung. ein scheitern und glücklich retten, so gerade eben noch. ein kurzes gelingen und dann doch gleich wieder scheitern. alles eins, ein glück.

ps: warum also um himmels willen den vielleicht besten tanz des lebens verpassen, drei minuten, mehr ist es doch nicht, weil irgendetwas am körper des gegenübers nicht durch die schablone paßt?