home




keine klagen (39)

03. Juli 2016 - 16:24

ein dritter texttotalausfall gestern kurz vor schluß. so schlimm, daß man sich fragt, ob den niemand auf die jurorInnen aufpasst, so als letzte instanz. damit ihnen das nicht passiert, daß sie im wald die bäume nicht finden, weil sie sie vielleicht nicht kennen. oder erkennen. der arme, hoffentlich verhagelt es ihm nicht allzusehr den elfenbeinturm.

sonst alles fein, die preise vergeben, die luft satt runtergekühlt. ich bin einverstanden, beim bachmannpreis selbst sogar sehr einverstanden. YES! das war sicher nicht leicht in diesem jahr, so viel solides dabei, so viel gutes auch. auch wenn wenigstens ein text völlig vergessen wurde, ein wichtiger text, aber was soll man da machen.

jetzt schaue ich die bilder von gestern an. ich versuche, mich an die temperatur zu erinnern, an den staub im lendhafen, die gluthitze. an den see auch, den weg dort hinaus, den wir in den nachmittag verschoben haben. raus aus der glut, rein ins türkis, die bergroute schwimmen. seitlich um die ecke, da sind echte berge. sehe ich ja selten sowas. inzwischen ist es empfindlich kühl.

etwas ist anders hier. es sind die leute, die fehlen, ja. aber es ist auch die zeit. es ist zeit. sechs mal war ich vor ort in den letzten jahren. kein jahr habe ich ausgelassen, auch wenn die finanzierung mehr oder weniger immer schwierig war. dabei habe ich mich von den texten entfernt, die mir doch seit mitte der 90er jahre schon jahr um jahr so wichtig waren. ich habe sie noch erlebt, die zeiten, als die jurorInnen die texte erst im moment der lesung kennenlernten. wie sich sich zu drücken versuchten, nicht der/die erste sein wollten. wie die kinder. ich habe am fernseher gesehen, wie sie sich einen tag später, nach erneuter lektüre, für ihr geschwätz vom vortag entschuldigten. ich habe auch gesehen, wie sie sich peinlich berührt, auf offener bühne, für die von ihnen eingeladene autorIn entschuldigten oder zumindest distanzierten, wenn der text ihnen zu mäßig erschien. ich habe gesehen, wie wenigstens ein juror sich dem abstimmreglement zu verweigern versuchte. (biller?) ich habe die jury ratlos gesehen, dümmlich und brillant, be- und entgeistert, selbstgefällig und außer sich.

ich habe urlaub genommen, um die lesungen verfolgen zu können, damals. ich habe mir den wecker gestellt, mitunter ging es um neun los, wenn ich mich recht erinnere. oder ich habe 300er-vhs-bänder besorgt, wenn ich zwischendrin doch ins büro mußte. nachts habe ich nachgeschaut bis in die früh. traurig war ich und und müde, wenn es vorbei war, jedes jahr. fast so schlimm wie jetzt.

der erste bruch kam (für mich) mit der kürzung um mehrere jurorInnen und autorInnen und einen ganzen tag in tateinheit mit der vorabfestlegung der zu lesenden texte. der zweite mit dem internet, noch zu hause vor dem fernseher. der dritte mit meiner persönlichen anwesenheit hier, die mich den menschen näher gebracht hat. und von den texten entfernt, ja. aber das war es wert. ich habe eine der besten, der freiesten nächte meines lebens hier verbracht, mit fremden menschen, ganz aus versehen. das ist eine weile her, darüber rede ich nicht, darüber schreibe ich nicht. das gehört nur mir. das ist mir immer noch unerklärlich. unfassbar.

jetzt bröselt es wieder. es wird anders werden, ich spüre das. es bewegt sich, es geht weiter.

es hört nicht auf. ich höre nicht auf, nach meinen über 20 jahren bachmannpreislesen. wie könnte ich. ich bin süchtig. und über literatur muß gespochen werden, früh genug, bevor sie in den büchern verschwindet.

ich habe eine ahnung.


keine klagen (38)

01. Juli 2016 - 23:51

den lendhafen gibt es noch, auch den literatur-lendhafen, wenn auch nicht mehr so voll. so voller bildschirme, laptops und gekabel. tagsüber. ob es ihn auch nachts noch gibt, weiß ich  nicht. ich war nicht da. ich wollte, aber dann gab es essen, viel essen, zu viel essen. gutes essen, allerbestes essen. und dann war ich müde, bin ich müde, so müde. da bin ich nicht mehr nachschauen gegangen. das tut mir jetzt schon leid. ich hätte gern noch etwas staub und musik heute nacht, morgen nacht, in meinen nächten. ich würde gern noch einmal ein wenig diesen menschen zusehen, die allesamt mit literatur beschäftigt sind, mehr oder weniger. oder mit büchern, auf die eine oder eine andere art. wie sie in der nacht stehen, wie ich, und trinken und reden. und.

ach.

die neue gestaltung des sendestudios, in dem ich gestern für zwei lesungen war, finde ich im studio gewöhnungebedürftig. das publikum rechts und links an den seiten, autorIn und jurorenriege einander gegenüber, dazwischen fließtext. das macht die gäste mehr als zuvor zu deko, zum bildbestandteil, der dementsprechend ausgeleuchtet ist. als fernsehbild dagegen scheint es zu funktionieren, wie ich heute gesehen habe. (gestern waren da zu viele spiegelungen.) wenn vielleicht auch ein wenig platt, kitschig, besonders das mit dem fließtext. aber fernsehen muß simpel sein, eindimensional, ich verstehe das.

die texte. ach ja, die texte. die sind gut, die meisten zumindest ausreichend tragfähig. manch einer auch mehr als das, einer bislang herausragend. nur zwei totalausfälle, das ist erstaunlich wenig. die autorenporträts. die schaue ich nicht an, das langsweilt nur. stört.

heute war ich essen. morgen gehe ich wieder schwimmen.


keine klagen (37)

01. Juli 2016 - 01:23

wieder in klagenfurt, und es gilt zunächst einmal einen schock zu überwinden. keiner der langjährig vertrauen, vor einem jahr noch als fast schon freunde bezeichtet, literaturvertraute auf jeden fall, ist heuer vor ort. (wie man hier sagt.) damit war nicht zu rechnen, das hat sich nicht angekündigt, mir nicht zumindest. ich weiß nicht einmal, ob es zufall ist, oder ob das so sein muß, jetzt. ob das einfach angesagt ist. ich bin ratlos.

so ändert sich vieles diesmal. ich bin wieder mehr auf die texte und diskussionen ausgerichtet. ich bleibe vor ort, gehe hinauf in den vollkommen neu gestalteten saal, treibe mich nicht am lendhafen herum bislang. vermisse ihn aber diesen staubigschönen freiraum. ich treibe mich kaum noch im internet herum, kein bachmannbegleittwittern, kein #tddl-mitlesen vor allem. ich bin da raus, irgendwie. und ich vermisse es nicht.

das alles muß nicht, ich nicht. dafür steht ja inzwischen auch das hiesige orgateam parat, mit twitter account und facebookseite, alles fein. angekündigt sogar in der vorabwerbung bei 3sat. jetzt, wo es den automatischen riesenmaschinenpreis ohnehin nicht mehr gibt, seit 2015, darf das mit dem internet gerne auf mal die art bespielt werden. öffentlich rechtlich und medienwirksam vielleicht. markenmachend. meinetwegen.

ich bin gespannt, hätte ich fast behauptet. stimmt aber nicht, ich bin nicht einmal neugierig. ich schaue und frage nicht nach.

aber zum lendhafen, dahin muß ich morgen mal.


koffer packen

28. Juni 2016 - 22:28

es stellt sich heraus, daß auch der kleine koffer genügt hätte. der große bleibt vergleichsweise leer. irgendetwas muß falsch gelaufen sein. irgendetwas eklatantes muß ich vergessen haben. dabei habe ich zwei badetücher dabei und zwei badeanzüge und zwei bücher, nun doch. wenn ich nur wüßte.

aber ich weiß wirklich nicht.


koffer packen

28. Juni 2016 - 01:52

ich versuche also, keine kamera mitzunehmen, schließlich gibt es ja instagram. und nur ein buch, weil ich in klagenfurt zu mehr eh nie komme. das eine also, das ich bis zur lesung mitte nächsten monats fertig gelesen haben will. da bin ich jetzt also gespannt und ein klein wenig zuversichtlich, zumindest was die kamera angeht.


komisch

15. Juni 2016 - 20:28

gestern war ich, nebenjobbedingt, in der oper. zu einer gänzlich unoperlichen zeit am frühen nachmittag, mitten in die bühnenbildbauphase hinein, auf eine kleine führung und saalbestuhlungsbesichtigung. nicht zum ersten mal im leben stand ich also auf einer großen, leeren bühne, theater von hinten sozusagen. wiewohl das womöglich auch vorne sein könnte, ich weiß es gar nicht. immer wieder eigenartig, diese position im leben, irgendwie verdreht.

ein geschiebe war das, ein gerumpel und gerufe. handwerk eben, werkzeug und werkstoff, präzision und improvisation. (gaffa tape.) ich liebe das, das maschinenhafte, diese grobheit in allem. das kalte licht, die höhe, die unermessliche größe. ich verstehe das, so muß es sein. das ist theater. wie gern wäre ich dort geblieben, als teil der maschine, ganz am rand, unsichtbar. wie gerne.

das würde mich glücklich machen.

ständig lag mir die frage auf der zunge, auf der spitze vorn: ich will hier arbeiten, an wen muß ich mich da wenden? (mein onkel, jahrzehnte ist das her, war als schreiner beim gelsenkirchener theater. ob das überhaupt noch gibt? ein theater? in gelsenkirchen? mit eigener werkstatt?)

doch das ist wohl utopie. ich bin zwar ausgebildetete handwerkerin, aber ich bin auch 53, und gestern waren da (fast) nur männer. (am wuchten.) schade. vor 20 jahren vielleicht, da hätte ich es noch mit denen aufgenommen.


ich lehne an einer wand und warte

08. Juni 2016 - 17:53

du bist ein schöner mann, aber ich habe nicht die kapazität, sagt mir eine frau im vorbeigehen.

gut, sie trug eine weinflache bei sich, schwankte ein wenig und schien insgesamt etwas desillusioniert. desorientiert. desolat. aber lachen mußten wir doch, beide.


sportlich

08. Juni 2016 - 13:08

zum frühstück im radio hören, wie zwei schriftsteller (ja, männlich.) zu ihrem sportlerdasein befragt werden. mehr als fünf stunden am stück intensiv schreiben könne man gar nicht, sagt der eine*, der offensichtlich zum ausgleich (oder was auch immer.) diverse olympischen disziplinen ausübt. man müsse ja auch das, durch das man sich da hindurchschreibt, irgendwie verarbeiten, sagt der andere.*

sie haben recht, beide. die fremden welten, in die man abtaucht, die bizarren situationen, die intensive erfahrung, jenseits des alltags, des eigenen ichs auch. ich kenne das. durchaus.

dennoch frage ich mich natürlich, wann und ob diese (mehr oder weniger, ich weiß auch das.) abgesicherten schreiber – elitäre schöngeister oder was? –  (noch?) daran denken, wie es ist, mit all dem nach der arbeit anzufangen. nach der fremdarbeit, wo der geist stundenlang durchgetaktet wird, was auch immer zu tun sein mag. nach der heimarbeit, die sich (wie das schreiben.) in den privatbereich, ins wohnbüro frißt, dort vor allem die schreibzeit ruiniert. nachhaltig. (schönes wort!)

wenn ich träume, träume ich von arbeit. von buchungssystemen und kreditkartendaten, vom schreiben über fremdthemen und dem ständigem kümmern und bekümmern. die miete, der strom, das netz. energie. essen und trinken nicht zuletzt. oder doch zuletzt? wenn ich nicht essen müßte, nicht schlafen …

jeden monat aufs neue. es gibt kein geld, nicht genug zumindest. es bleibt keine zeit für die ausweitung, die es zum schreiben bräuchte. die zeit vor dem schreiben. über wochen und monate ohne den eigenen geist, der (dennoch!) schreiben will. das ist eine ganz andere (sportliche?) herausforderung.

* grob aus dem gedächtnis zusammengefaßt.


03. Juni 2016 - 12:00

nachhaltige verzweiflung darüber, zu nichts zu kommen, keine schreibzeit zu finden. das gemüt zerfressen von erledigungen, geldbeschaffung und grundlegender menschlicher unzulänglichkeit.


hörend

29. Mai 2016 - 11:23

wer weiß? vielleicht ist es einfach nur, weil bald mein geburtstag ist und weil meine geburtstage mich zumeist infantilisieren. weil sie mich binden, zurückwerfen, mich quälen. im vorfeld. das kind, das ich war. die mutter, die ich kannte. das spiel, das uns getrieben hat. das mich ausmacht, bis heute, mich fasziniert. dieses ewige rätsel.

vielleicht ist es, weil erinnerungen die räume weiten. alle, auch die schrecklichen. sie öffnen die wege in das, was vergessen ist, was vorsorglich verborgen wurde. so rettet sich zartheit über die zeit.

vielleicht ist es aber auch, was andere schreiben und leben. wonach andere zu fragen wagen, nach geräuschen zu beispiel.

oder es sind die antworten, die der anderen -> #geraeuschederkindheit.

oder es sind die eigenen, am ende das eigene:

das geschrei der mutter draußen, vor der kinderzimmertür. das schweigen des vaters. der kleine bruder in todesangst. ich sprachlos, hilflos. die einzige, die älteste. ich bin zwölf. ich bin dreizehn vielleicht. ich bin kein kind. (tweet 26.5.16, extended)

die geschichte geht anders, sie ist länger, verdrehter. und es gibt viele geschichten. sie alle sind nur ein geräusch: das geschrei, in dem die welt erstickt. dieser lärm, der behauptet die welt zu sein.

nein!