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auf und unter dem küchentisch

04. November 2011 - 15:27

eine meiner ältesten erinnerungen reicht zurück in mein drittes lebensjahr, genaugenommen bin ich gerade zwei geworden. das datum ist exakt belegt durch einen stempel im reisepaß meines vaters, sonst wäre mir dieser fakt sicher nicht bekannt. wobei letztendlich natürlich keine gewissheit bestehen kann. es ist möglich, daß ich mich irre, daß ich doch schon älter, also drei oder vier gewesen bin. mehr geht aber kaum, denn da gab es dann schon meinen kleinen bruder. außerdem habe ich aus dieser zeit viel zusammenhängendere erinnerungen.

ich bin also zwei jahre alt, vermutlich, jedenfalls noch ziemlich klein, und werde bei meiner oma in der küche auf den küchentisch gehoben. dort soll dann irgendetwas tun. keine vorführung, nicht tanzen oder ein gedicht aufsagen. nein, ich soll etwas fühlen, etwas zeigen. ich soll mich freuen. ich weiß aber nicht, warum. oder was. ich verstehe einfach nichts. nur diese küchentischwelt, in der ich ganz allein dastehe. und alle sehen mich an. ich selbst sehe nur meine oma, die mich regelrecht anfeuert. ich weiß im hintergrund meinen opa, der sich zurückhält, wie immer. die anderen menschen, die da auch noch sind, kenne ich nicht. sie sind es, die mir angst machen.

genau genommen ist es so: ich erkenne diese menschen nur nicht, denn es sind meine eltern, die für zwei wochen allein in urlaub gewesen sind. ohne mich, ich war in der zeit bei meiner oma zu besuch. das war ich oft, auch später noch. und das war ich immer gerne. während dieser vermutlich ersten elternlosen zeit habe ich übrigens geburtstag gehabt, das zumindest belegt der reisepaßstempel definitiv.

das ganze drumherum dieser humorigen familienanekdote ist mir natürlich erst im nachhinein immer wieder und wieder erzählt worden, davon war mir damals nichts bewußt. im grunde verhält es sich mit dieser geschichte, wie mit allen erinnerungen. es ist eine konstruktion, eine vermutung, bestenfalls eine versuchsanordnung, retrospektiv. eine variante von wahrheit, mehr nicht.

ich selbst erinnere mich allerdings bis heute genau an dieses gefühl, am küchentischabgund zu stehen. ein moment nur, wie ein blitzlicht. die wucht der erwartung, die ich nicht zu erfüllen in der lage bin. meine erste absolute einsamkeit. oder die erste sichtbare, das auf jeden fall. es wird gelacht. vielleicht über die situation, über die algemeine peinlichkeit. vielleicht auch über mich. ich verstehe das alles nicht, aber es liegt an mir. das weiß ich. man fordert mich, fordert mich heraus, fordert mich auf. immerzu. und ich verstehe immer weniger. ich weiß nicht, ob ich auch weine. irgendwann. vor verzweiflung und überforderung. das alles dauert ewig.

als meine oma mir endlich erklärt, wer die beiden sind und was man von mir will, bin ich erleichtert. vermutlich sind alle in diesem moment erleichtert. und ich freue mich tatsächlich, womöglich sogar ernsthaft. vielleicht bin ich aber nur froh, daß die fremden doch keine fremden sind.

zuhause, allein mit meiner mutter, saß ich übrigens immer unter dem küchentisch. daran erinnere ich mich auch, das ist vielleicht noch älter. es ist noch vager, noch undeutlicher. wie ich diesen ort verteidigt habe. wie ich mir wünschte, daß der tisch nicht nur oben ein dach, sondern für mich am besten auch noch wände hätte haben sollen.

das bin ich. so bin ich. vive la différence!

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