am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

kein trost & glück

das sollte ein gemütlicher sonntag werden, der letzte sonntag. mit ruhigem bloggen auf dem balkon, ein bisschen über das bauen und die pläne. ein bisschen über zähne vielleicht. dann aber war es ein nachmittag auf dem pariser platz, unter bewölkung, gelegentlichen regentropfen, am ende ging es in einem platzregen auf dem rad wieder nach hause.

ich bin nicht gut auf demos, noch schlechter leider auf gedenkveranstaltungen, aber da gehe ich natürlich hin. da kann ich gar nicht anders. auch wenn ich nicht gut bin in verschwisterung, viel weniger noch in gemeinschafttröstung. ich sehe lieber hin, ganz genau, ganz für mich. ohne dass ich dabei gestört werde. ich sehe ihn an, den schrecken, der gewesen ist. der real geworden ist, nicht weit. nie ist er weit, so scheint es.

mit schmerzen im gesicht ist so ein geschehen noch übler, deshalb ging es zügig wieder zur zahnärztin, die dann doch überzeugt war, besser eine wurzelbehandlung einzuleiten. seitdem ist es besser, viel besser, fast schon richtig gut. mein gesicht ist zufrieden, befriedet könnte man sagen. mein gemüt befindet sich woanders, irgendwo zwischen hitzewelle und politikbeobachtung. ersteres ist okay. ich arbeite von zu hause, gehe möglichst nicht nach draußen, und morgen soll es ja schon wieder besser sein. zweiteres ist ekelhaft.

so recht weiß ich nicht, wohin mit mir. zwei texte warten auf mich, einer zur er-, der andere zur überarbeitung. ein exposé will überarbeitet sein, ein zweites ganz neu erstellt, vielleicht auch ein drittes. um all das herum wuchert noch anderes kleinzeug, doch da habe ich noch nicht einmal eine liste erstellt. ich habe auch noch zeit, ich könnte ruhig sein. im august, das hatte ich mir ende mai versprochen, im august fange ich damit an. und das ist ja nun erst übermorgen.

außerdem ist glen hansard tot, hat sich ganz allein früh am mittwoch morgen auf einer motorradfahrt zerlegt. daran denke ich selbst oft, wenn ich unterwegs bin. das bin ich ja eigentlich immer allein, ich kann mir gar nichts anderes vorstellen. fahrfehler passieren so leicht, ich hab mich auf die art viermal auf die fresse gelegt in meinem motorradleben. nur zweimal dagegen hat mich jemand umgefahren, jedesmal als ich im grunde dastand. also harmlos, nur blech, beulen im tank und abgebrochene hebel. wenn ich mir allerdings materialfehler vorstelle. geplatze reifen, defekte bremsen. oder dinge, die auf der fahrbahn liegen, die von oder aus autos fallen. all sowas. ich habe ein glück bislang, das mag mir bleiben bitte.

jetzt schaue ich immer wieder dieses gesicht an, fast antik, irgendwie römisch. mehr noch griechisch, wie ein gott in marmor. wie kann das sein!

körperarbeit

zurück in berlin, gefühlt nach einem monat, obwohl ich zwischen wien und plessa ja über eine woche schon wieder in berlin war. aber jetzt erst gilt es, jetzt bleibe ich hier. vermutlich für den rest des jahres und darüber hinaus. im oktober – hoffentlich – will ich das wohnbüro renovieren (z. t. lassen?), dafür werde ich meinen resturlaub brauchen. dringend brauchen.

einstweilen habe ich endlich angefangen, die kammer zu richten. mit dem „neu“ entdeckten keller habe ich ja bereits die eine oder andere um- und aufräumaktion bewältigt, inklusive einer billigen regalerweiterung in eben jedem. jetzt gilt es die maroden spanplattenregalkonstruktion in der kammer, vor über zwanzig jahren gebaut und längstens bis zur beängstigung durchgebogen, ein update zukommen zu lassen. die bretter, leimholzfichte diesmal, hatte ich vorausschauend bereits in der zwischenurlaubswoche besorgt.

es ist ein wenig seltsam, in genau dem raum zu arbeiten, wo üblicherweise all das lagert, das ich zum bauen brauche. das steht jetzt überall in der wohnung herum. ja, es ist eine menge, ich bin ziemlich gut darin, viel zeug auf wenig raum zu verstauen. das liegt an meiner angeborenen (oder anerzogenen?) ordungsliebe, die dinge verbleiben weitgehend, wo sie hingehören. nur jetzt laufe ich immer wieder mal von einem zimmer ins andere und suche. die stichsäge, die schiene für die kreissäge, die dübel.

aber es wird, und es geht recht schnell. über die hälfte der neuen bretter sitzen bereits an ihrem platz, mischen sich mit ein paar der alten bretter, die ja eher spanplattenstücke sind. aber die kurzen, auf denen nur schuhe stehen, können bleiben- außerdem nutze ich auch ein paar der alten ikea-ivar-regalbretter, die passen hervorragend. ich wünschte, ich hätte alle behalten, aber da hatte ich den keller noch nicht schön. ich habe sicher sechs oder sieben weggeworfen, was für eine verschwendung.

aber egal. nur der körper, der will nicht so recht. er hat zahnschmerzen, seit die zahnärztin am montag nachmittag gebohrt hat. sie hat davon geredet, dass es so sein könnte, ich habe ihr aber nicht recht glauben wollen. sonst ist das auch nie so, nach den reparaturarbeiten ist immer gleich alles gut. nun ja, die welt dreht sich. alles ändert sich, und ich werde alt. länger als vier oder fünf stunden kann ich gerade auch nicht bohren und sägen und schleppen und schrauben.

am frühen abend war deshalb kino angesagt. der bachmannfilm mit der hüller. wie absolut wunderbar, dass es so etwas noch gibt. dass solche filme überhaupt gemacht werden, dass jemand dafür zahlt, draufzahlt womöglich, dass die erfahrung der herstellung (in diesem fall ganz besonders) zu meiner erfahrung werden kann. (für die zukunft sehe ich da ja gerade ein bisschen schwarz, tiefschwarz. ich hoffe, das legt sich wieder.)

am ende sitze ich bis zuletzt da, wie immer im kino, bemühe mich all die namen im abspann zu lesen. und diesmal lohnt es sich, oh himmel, da steht ein name, den ich gut kenne. sogar speziell im zusammenhang mit diesem film, eine der bachmann-übersetzerinnen ins englische kenne ich. genau aus der zeit, in der sie diese übersetzungen angefertigt hat, oder zumindest damit angefangen. damals in wuppertal, das ist sicher dreißig jahre her. mein körper jubelt ein bisschen. es gibt längst keinen kontakt mehr, ich war auch immer so ganz anders als sie, nicht wirklich kompatibel. doch ich hatte lange eine trommel, die sie gebaut hat. und damals gab es eine undine-bachmann-trommel-live-performance, wenn ich mich recht erinnere. auf jeden fall war ich da, bei jutta im bücherladen. den gibt es nun nicht mehr, lese ich gerade. (einer von diesen zausel-buchläden, fällt mir dazu ein, denen man offensichtlich die so wichtige, nötige unterstützung streichen kann und muss. wie gruselig ist diese welt!)

schreibzeit/96

wenn wien nur in etwa eine schreibzeit war, dann ist plessa natürlich absolut und zu 100% so gedacht. dass solche dinge nicht immer aufgehen, wie sie sollen, das gehört dazu. in diesem fall ist es wohl einfach nur die grundlegend andere situation, im vergleich zu den letzten beiden teilnahmen am hiesigen schreibretreat, in der ich mich befinde. die erste lesefassung des letzten manuskripts ist lange fertig, die testleserschaft hat gelesen und fast alle rückmeldungen sind inzwischen eingetroffen. wie es aussieht gibt es viel zu tun, es stehen größere überarbeitungen an, als ich vermutet hatte. ich sortiere noch, aber das ist im grunde kein problem. dennoch dauert es, ich kann mich nicht entscheiden. anders: ich kann mich nicht überwinden, jetzt oder irgendwann damit zu beginnen. oder es vielleicht ganz zu lassen, jetzt und für immer. wie der buchmarkt aussieht hat all meine arbeit vermutlich wenig sinn. das sage nicht ich, das sagen mir andere, die es wissen müssen. und die eben das bedauern, ganz wie ich selbst.

dass in dieser lebenslage mein grundlegendes schreibselbstverständnis dennoch nicht zu ruhen vermag, lässt mich hiersein und ein kleines nebenprojekt konzipieren. wobei die idee schon an das vorherige manuskript anschließt, es ist eine art ausgeschiedenes thema. aber es ist heikel, das ist bereits klar. es ist zeit, über armut zu reden. und es ist auch eine unzeit dafür, gerade jetzt. man weiß nicht, was kommt, aber man sieht es doch kommen mitunter. und man kann bei diesem thema der opfer-täter-falle so gut wie nicht entkommen. ich weiß also nicht, ich weiß auch hier nicht. es gibt gutes feedback, oft mit „falschen“ ansätzen, einer hoffnung auf menschlichkeit zum beispiel. das ist unsinn, geht am thema vorbei, finde ich. aber es hilft natürlich, auch und gerade das. bei der entscheidung, was zu tun wäre. wenn ich es denn tue.

ich bin also hier und schreibe eher nicht. die imaginationsräume sind und bleiben verschlossen. das ist nicht gut, das ist unangenehm. aber ich spüre sie noch, mir bleibt ein wenig licht. das ist gut. und es ist verrückt, es macht mich wahnsinnig. nicht zu wissen, was ich soll. oder wie, während im grunde der körper es kann, das schreiben. das geht nicht mehr weg, bis zuletzt.

meinwien/10

gestern in konstanter hitze, schweißnass das wienmuseum betreten. ein schönes, wohltempriertes gebäude, in dem man sich gut aufhalten kann. gerne auch ein paar stunden, bevor die gebuchte führung beginnt. drei stunden später dann wieder ins freie treten, da ist es dunkel geworden und kühl. ganze 10° kühler.

weiter geht ein wind durch wien, so tut das gut. wien ist ja ohnehin recht windig, und zwar nicht im doppelten sinn. hier weht es oft und kräftig, ob fönwarm oder kühl. aber den rest der woche bleibt es unter 30°, so heißt es zumindest. ich hoffe sehr darauf.

ein guter tag also, um noch einmal nach und durch schönbrunn zu spazieren. das liegt ganz in der nähe, und ich wollte schon immer mal zur gloriette hochlaufen und schauen, wie sich wien von da aus macht. letztendlich war es mir aber immer zu warm, die breiten, schnurgeraden schotterwege sind im sommer wahre glutöfen. allerdings kann man sich auch durch die „wälder“ schlagen, kein problem. weniger grade, schmale und verschattete wege, treppauf, treppab dort hoch, die gibt es auch.

oben angekommen wird dann alles wieder weit, und es ist heiß. vor allem auch staubig, bei dem wind, der da geht. es ist richtig ein bisschen stürmisch. und der blick auf wien, der ist so lala. man sieht, wie übersichtlich die stadt im grunde ist. alles recht niedrig, wenige gebäude, die herausstechen. das muss aber auch alles nicht. da liegt eben eine stadt in einer senke. eine schöne, eine seltsame stadt, und so lange schon.

langsam wird mir klar, dass ich mich von wien nicht einfach so verabschieden kann. jeden schritt, den ich hier gehe, sagt mir, dass ich genau hier sein sollte. es sind reine sachzwänge, die mich davon abhalten. schwerwiegende sachzwänge. aber, wer weiß? irgendwann muss ich die geschichte des fräuleins finden, erfinden und erzählen, das hier um die ecke vermutlich jemandem zu diensten war. und dafür muss ich recherchieren, sehr viel mehr als ich das bislang musste.

das ist nirgends anders, das ist hier. das ist sicher.

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