am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

schreibzeit (47)

draußen zieht es sich zu. keine sonne mehr, auch kein sichtbarer sonnenuntergang wie gestern erst, ein schleichend sanftes rosé. jetzt ist alles graublau, durchwachsen, der regen aber, der wird noch ein wenig brauchen, fürchte ich.

meine hiesige vermieterin stand heute mittag vor der tür, eine süße französin, jünger als ich, aber nicht viel, zehn jahre vielleicht. vielleicht verschätze ich mich auch, verzeihung. wir kennen uns, wir mögen uns, ich war ja schon oft hier. so kam sie nicht um die miete zu kassieren, die ist längst bezahlt. sie hat mir einen ventilator gebracht, wie wunderbar, und von den österreichischen bergen erzählt, wo sie gestern noch war. reden über das wetter und die luft anderswo, auch das kann gut sein. wo das andere doch so weit ist gerade.

ich habe nachgesehen, in so einem blog ist das ja einfach. ziemlich genau drei jahre liegt es jetzt zurück, dass ich zum ersten mal herkam. nicht in diese wohnung, aber hierher in die kleine stadt, im gepäck irgendwas um die dreißig seiten eines vor jahren angefangenen, also uralten und unfertigen manuskipts, in das ich außerdem schon lange nicht hineingesehen hatte. jahrelang nicht, auch wenn ich es nie vergessen hatte. die aufgabe damals war, herauszufinden, ob es sich lohnen würde, noch einmal damit anzufangen. all die arbeit, all die zeit.

das ergebnis war ein ja, eindeutig. ich saß in einem café an diesem tisch und las bis zum geburtskaptitel, da war es dann klar. wenig später kam das grüne buch dazu, und immer wieder saß ich an diesem tisch, wann immer ich hier war und der tisch frei. auch an anderen tischen saß ich, immer mit dem buch, dem grünen und dem im kopf.

jetzt liegen da vierhundersiebenundfünfzig seiten, durchgelesen und durchgegangen von meiner agentin. (die gab es damals auch noch nicht.) ein vollständiges manuskript also, das ich ab morgen durchsehen muss und werde. und arbeiten. das grüne buch ist natürlich auch da, fast voll und ziemlich zerfleddert. so muss das.

aber nein: ich muss nicht! ich will. nur ein wenig regen vorher, das wäre schön.

halbe sache

die langjährige nachbarin in berlin, die mich schon oft mit helm und zeug gesehen haben muss, nimmt zum ersten mal das motorrad wahr, das ich, um es zügig zu bepacken, auf den gehsteig direkt vor der haustür abgestellt habe.

sie sind ja ein halber mann, erklärt sie mir daraufhin erstaunt. und ich weiß nicht, was ich sagen soll, so lange habe ich das nicht gehört.

nix halbes und nix ganzes, hat meine mutter immer gesagt. oder meine oma, ihre mutter. oder alle beide, ich weiß nicht mehr genau.

doch das habe ich auch nicht verstanden, bis heute nicht.

noch einmal: lesen!

ich kann es noch, lesen wie früher, wie ich es als kind getan habe. ich liege da und arbeite mich durch die geschichte, dabei achte ich auf die kapitel, die seiten und ihre zahlen. erst nehme ich mir das erste kapitel vor und schaffe es so bis zum dritten oder vierten, bei einem guten einstieg noch mehr. irgendwann wechsle ich auf die seitenzahlen, nehme mir die hälfte vor und schaue, wie das auf die kapitel passt. so lese ich dann weiter, auch wenn es viel ist. manchmal blättere ich ein wenig vor, um zu sehen, wie lang das kapitel ist. so kann ich dann abbrechen, mit gutem gewissen, wenn ich es doch nicht bis zur mitte schaffe.

meistens ist das aber kein problem, ich lese über alles hinweg, selbst zu pinkelpausen muss ich mich überreden. so schaffe ich ein buch in ein bis zwei tagen, im durchschnitt. das heißt früher was das so, heute ist natürlich viel arbeit und viel unterbrechung und auch trägheit im weg. und die tatsache, dass ich die perfekte brille, mit absolut exakt angepasster leseabteilung (gleitsicht) immer noch nicht gefunden habe. am besten funktioniert es noch ganz ohne brille, auch wenn es vermutlich ein wenig doof aussieht, das offene buch so nah vor dem gesicht. alles andere ist anstrengend. ohne geht aber nur, wenn ich allein bin und sonst nebenbei nichts mache. so wie hier also, hier habe ich einfach nichts nebenbei und das buch auf die brust gestützt.

als könnte man, tatsächlich, neben dem lesen etwas anderes. was für ein irrtum.

wer nicht mehr mitspielt ist meine mutter, die mir in den ohren liegt, dass ich doch mal rausgehen, an die frische luft, nicht immer nur drinnen rumhocken. ein stubenhocker, krumm und mit verdorbenen augen. (stimmt ja, beides, aber man muss doch lesen, immer weiter lesen.) vermutlich wollte eine mutter einfach allein sein, denke ich heute, am meisten habe ich ja in den ferien gelesen. und das war sie vielleicht nicht gewohnt, dass da immer jemand war, auch wenn ich ja nur gelegen und gelesen habe. über jahre war sie ja die einzige in der familie, die jeden tag ein paar stunden für sich war, zwischen acht und zwölf oder eins vielleicht, wenn mein bruder und ich in der schule waren. was immer sie dann gemacht hat, lesen vielleicht. ach nein, es wird der haushalt gewesen sein, das putzen und kochen, das sie so gehasst hat, dass man es sogar schmecken konnte.

vielleicht hätte sie einfach liegen und lesen sollen, ein bisschen zumindest. oder malen oder turnen oder träuen, was auch immer. das alleinsein und alleine machen ist etwas wert, das verstehe ich. das gibt man nicht so einfach her.

fertig!

vor der arbeit, dem schreiben liegt diesmal offensichtlich nicht nur das lesen, was an sich schon ungewöhnlich ist. es liegen da auch erholung und schlaf, wie ich schon sagte, und veränderung. wobei ich von der nicht behaupten könnte, dass sie offen sichtlich wären. mitnichten.

zunächst einmal gehe ich den weg der beruhigung, der langsamkeit, wie alles in diesem jahr langsamer geworden ist. so dann auch ich. ich begreife, dass zeit ein genuss ist, keine qual, die mich treibt. ich erfahre, dass körperlichkeit und der damit verbundene selbstekel, die enge in mir, aus der abwesenheit von rhythmus entsteht, aus der verachtung der zeit, die ich habe. die mein ist, wem denn sonst.

es ist wochenende, immer noch. mein urlaub beginnt morgen, am montag, da ist der erste tag ohne büro. vielleicht fange ich dann mit der arbeit an, mit einem plan zumindest. ich will es ja, das buch. wo es doch nun schon da ist, so gut wie fertig.

doch es ist heiß, was ich mir ein wenig gewünscht habe, aber ich so. heiß! gegen abend ist regen angesagt, gewitter, nach einem tag mit 35°. das könnte schön sein, wie überhaupt dieser sommer eigentlich ganz schön ist. finde ich.

lesen!

gestern abend angekommen in der kleinen stadt. spät, gegen neun, weil ich in berlin erstmal ein paar stunden vor (sic!) meiner wohnungtür verbracht habe. um auf den schlüsseldienst zu warten. so war dann alles ein wenig verrutscht.

eigentlich war aber sowieso nichts richtig geplant, da war das irgendwie auch egal. und gut. weil in den letzten wochen und monaten alles voller plan und voller arbeit und fast ohne menschen war.

als ich hier ankam, roch nach holzfeuer, als würde überall edel gegrillt. dennoch war es still, ein größerer kontrast denn je. wie ich es leid bin, das neuköllner geschrei, der lärm und das ständige gewusel.

ich werde alt. ich bin dann nur noch schnell fürs frühstück einkaufen gewesen, anschießend habe ich zehn stunden geschlafen. ging nicht anders, obwohl das fast doppelt soviel ist wie sonst.

am morgen, also gegen mittag, erstmal beschlossen, dass ich unmöglich sofort losarbeiten kann. auch wenn es schreiben ist, also die einzige arbeit, die mir mehr bringt als geld. alles andere mehr als geld. erstmal muss ich ein wochenende urlaub haben, wenigstens.

also hab ich einfach so irgendwas, den ganzen tag. nichts gemacht. oder lesen zum beispiel, zwei kapitel am stück, auf dem bett liegend. lesen, das andere, was man auch mit büchern machen kann, statt sie zu schreiben. das andere auch, was man im bett machen kann:

lesen!

mal sehen, wie das weitergeht mit mit mir hier in diesem sommer. ich hab gerade schon wieder nicht die geringste lust auf schreiben. deshalb schluss jetzt und ab im bett.

tief innen, die welten

da will ich einfach nur die jacke anziehen, hebe also den arm in den ärmel, und dann ist gleich der rücken wieder beleidigt. so geht der tag, auch jetzt noch spüre ich die stelle, tief innen. der tag allerdings hat sich doch noch ganz ordentlich geputzt. finanziell zumindest kann ich nicht klagen, das ist schließlich auch etwas in der allgemeinen situation.

gerade gibt es nur noch die arbeit im büro, und das ist gut so. für das freie kreisen muss ich nur noch die julirechnung fertig machen, damit hänge ich ein bisschen. aber sonst lasse ich da nichts mehr rein, bis fast zum ende des monats. sogar die abwesenheitsnotiz ist schon installiert, das habe ich noch nie gemacht.

ich schaffe zeit und raum fürs schreiben, ohne darüber nachzudenken. ohne dass ich es explizit entschieden hätte, und es funktioniert. allein durch den raum eröffnen sich ideen, darauf ist verlass. keine ahnung, warum.

ich bin ein monster, ein schreibmonster. mein hirn lebt in eigenen welten, immer. so ist das, gut.

hermeneutik

manchmal mache ich ja dinge, die ich mir bei genauer betrachtung selbst kaum glaube. so blöd sind die.

genau so einen blödsinn habe ich das ganze wochenende betrieben, samstag und sonntag, fast die ganze zeit. und mir damit eben diese komplett vermiest. um nicht zu sagen verschwendet, bis mich jemand darauf aufmerksam gemacht hat.

das ist mir so peinlich, dass ich jetzt hier nicht verraten kann, worum es eigentlich geht.

nee, wirklich nicht.

time to gin

heute ist der 30. (oder gestern, ist doch egal.) ich sitze im bett und habe die steuern fertig, einen tag zu früh. alles ist abgeschickt und abgegeben, kurz nach sechs heute abend war es so weit. (also gestern natürlich. ach, egal.)

normalerweise bin ich so um die 250 tage zu spät mit dem zeug, ich hasse es einfach. seit jahren war das also nie anders, aber in diesem jahr. da ist es das, alles anders. sogar die steuern.

am frühen abend hat dann die physiofrau zugegriffen, so richtig tief in die muskulatur, durch den rückenpanzer. da hast du mir aber eine aufgabe gegeben, sagte sie. ich weiß ja auch nicht. vielleicht war das eine spur zu viel. zu tief in mir

anschließend war ich mir jedenfalls für eine weile nicht mehr so sicher, wie der aufrechte gang funktioniert. obwohl er durchaus funktionierte, so war das nun auch wieder nicht. das war irritierend, also interessant. jetzt bin ich müde, das war anstrengend. der tag, der ganze, obwohl eigentlich mal gar nicht so viel los war. und der nacken tut weh, der kopf. ein bisschen, das ist nicht schlimm. im grunde wie immer. nur dass ich es längst nicht mehr immer spüre, mich nicht weiter darum kümmere. an allen tagen, die da sind.

die migräne damals, das war ein anderes kaliber.

ich muss das lernen, denke ich. dass der kopf woanders ist. oder woanders hingehört, mein kopf. jetzt.

ach: und der neue gin ist großartig.

ich mag ja genau die geschichten, in denen die bösen am ende alles so traurig richtig machen und dabei so hilflos und verloren bleiben. wenn sie also werden wie alle, die bösen. am ende.

das ist ein glück.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner