raum für notizen

die radisch

14. Oktober 2004 - 11:06

aktuell, über die jelinek. nun ja, besonders der letzte satz. da fehlen mir die worte.

tagebau | 0 » | plink
  • Karlchen:
    15. Oktober 2004 - 2:58

    Hm, warum fehlen die Worte? Derzeit sieht es nach 50:50 aus, die einen sind fassunglos, die anderen begeistert angesichts der Entscheidung des Nobelpreiskommitees. Ich bin weder das eine, noch das andere, finde die Entscheidung allerdings bedauerlich. Jelinek kritisiert das Richtige, aber mit den falschen Mitteln. Wenn das, was rauskommt, die Inszenierung der Kritik um des Kritisierens willen ist, dann ist es nichts. Zumindest nichts von Bedeutung. Es ist so, als stilisiere man die Depression als eigene Lebensmitte, anstatt sich für die Bedeutung zu interessieren. Das kann nichts, und es ist eine vertane Chance. Wenn ich Jelinek lese, dann begegnet mir eine Frau mit herausragenden sprachlichen Fähigkeiten, die sich allerdings für nichts interessiert, als sich selbst.

  • engl:
    16. Oktober 2004 - 10:46

    die worte fehlen, weil es eine solche unverschämtheit ist – nachdem schon etliche sich diesen überraschungspreis mit angeheftet haben – ihn auch noch umständlich posthum zu rechtfertigen.
    zu den texten selbst kann ich nicht viel sagen, habe nicht genug gelesen. die jelinek fällt mir schwer, ich gebe es zu. aber ich will es immer wieder mal versuchen, manchmal kommt es ja mit der zeit.
    grundsätzlich halte ich aber ‘depression’ und ‘bedeutung’ für eigenartige kriterien. oder zumindest mit kriterien, mit denen ich wiederum nichts anfangen kann.
    das kreisen um die eigene mitte allerdings, das selbst oder was auch immer, halte ich als schriftstellerin für nahezu unvermeidbar. es gibt unterschiedliche methoden, formen und versuche. aber jedeR bleibt letzendlich unausweichlich die ureigene wahrnehmungsinstanz.

  • Karlchen:
    17. Oktober 2004 - 5:36

    Warum ist eine Kritik unverschämt? Noch dazu angesichts des bedeutendsten Literaturpreises, den es überhaupt zu vergeben gibt? Es geht ja hier nicht um einen kleinen Publikumspreis an eine Unbekannte.
    Und ich stimme zu, natürlich geht es beim Schreiben um die eigene Mitte. Aber Kulturkritik zum Zwecke der reinen Selbstinszenierung finde ich dann doch eher grausam.

  • engl:
    17. Oktober 2004 - 6:11

    nicht kritik an sich ist unverschämt. unverschämt ist der letzte satz, der den preis einfach gedanklich weiterschiebt. als wäre er sonst nicht gerechtfertigt. als wäre er nicht bewußt verliehen.
    im übrigen halte ich den bedeutendsten literaturpreis für ebenso wichtig zu nehmen wie den kleinen publikumspreis an unbekannte. wo kämen wir denn da hin? gerade publikumspreise haben eine gewisse direktheit. oder?

  • engl:
    18. Oktober 2004 - 2:20

    ja, ich verstehe. das sind betrachtungsweisen.
    nobel- und publikumspreis stelle ich im übrigen nur aus einem grund auf eine stufe, nämlich aus dem, daß ich (eigentlich – was für ein unwort an dieser stelle) finde, daß kunst nicht in den wettbewerb gehört, eingeordnet in hierarchien. nichtsdestotrotz gibt es auch hier unterschiedliche perspektiven, ich weiß.

  • Karlchen:
    18. Oktober 2004 - 5:29

    Ich verstehe nicht, warum der letzte Satz unverschämt ist. Der Untertitel zur Überschrift der Zeit-Kritik beginnt mit den Worten “ein Schock”. Das gedankliche Weiterschieben am Schluß ist, so erlebe ich es jedenfalls, eine zynische Zuspitzung der Gesamtaussage der Verfasserin, die einer gewissen Bosheit nicht entbehrt. Sprachlich finde ich das im Gesamtkontext gelungen und auch legitim, aber da sind die Geschmäcker wohl verschieden. Die Kritikerin hält den Preis ganz offensichtlich für nicht gerechtfertigt, was ja nicht bedeutet, dass er nicht bewusst verliehen wurde.
    Zum Thema Publikumspreis vermag ich nur zu sagen, dass ich einen solchen nicht vergleichbar finde mit dem Literaturnobelpreis. Man mag die Entscheidung des Nobelpreiskommitees verschiedentlich fragwürdig finden, aber der Stiftungsgeber hatte seinerzeit die Absicht den Preis jeweils an die Person zu vergeben, die “in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat”. Gute Schriftsteller gibt es viele (miserable auch), aber ich würde sicher keinen Preis, der mit über 1 Millionen Euro dotiert ist und beabsichtigt, eine Koriphäe auf ihrem Gebiet zu honorieren, mit einem Publikumspreis vergleichen.