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grenzwertig

22. März 2012 - 22:34

lese im rolling stone ein gespräch zwischen oskar roehler und andreas altmann, die beide gerade bücher über ihre ihre schreckliche kindheit, über ihre achtlosen mütter und ihre leblosen väter veröffentlicht haben. kommt heroisch rüber, zwei alternde männer in leder und schwarz. beinah brachial, diese wut, dieser hass nach all der zeit. und soviel mut, trotz allem und erfolg natürlich. heroisch eben.

tja, wenn ich das täte. ich alternde frau, in leder und schwarz, des pinken ebenfalls nicht mächtig. man würde es dennoch gejammer nennen, möchte ich meinen.

denn die grenzen sind scharf gezogen und werden früh manifestiert, wie ich gestern gelernt habe. es gibt schnuller für mädchen  und schnuller für jungs, ohne funktionellen unterschied. nur die farbe natürlich. und die deko, blümchen gegen raketen. dagegen kommt man nicht an.


  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Flashmob für Pussy Riot, die Zustände in Altenheimen und Größe 36 – die Themen der Blogschau:

    […] darüber, wie meckernde Männer und meckernde Frauen gesell­schaftlich unter­schiedlich be­wertet […]

  2. Irene:

    Ich war bei Altmanns Lesung in München und finde ihn großartig. Sein Ziel, dass das Ganze rotzig sein soll und nicht jammerig, hat er übererfüllt, er hat nämlich Humor und einen Blick fürs Skurrile. Seine Wirkung hat viel damit zu tun, dass er bereit ist, sich ziemlich ungeschützt zu exponieren, das wollen letzten Endes die wenigsten Menschen. Sonderlich macho wirkt er auf mich nicht, eher jungenhaft, und die Lederjacke kommt eher als Künstlerlook rüber.

    Was mich etwas gewundert hat, sind die Vergleiche, die im Feuilleton gezogen werden, sogar Thomas Bernhard war dabei. Aber letzten Endes freut es mich für ihn, dass er so ernst genommen wird, obwohl er irgendwo ein Spinner ist und teils etwas manieriert schreibt. Das Beste war die Überschrift “Scheißgebete” in der ehemals konservativen FAZ.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/andreas-altmanns-neues-buch-scheissgebete-11130798.html

    Männer haben den Überraschungseffekt auf ihrer Seite, wenn es darum geht, als Opfer von Gewalt aufzutreten, da ist es kein Wunder, wenn die Wirkung etwas anders ist. Oder wirken sie doch heroisch und profitieren davon, weil sie weniger über die Folgen des Erlittenen reden als Frauen, die dafür womöglich als jammerig abgestraft werden? Ich habe mir solche Fragen gestellt, nachdem mich einige der Männer in diesem ARD-Film über Gerald Becker sehr beeindruckt hatten, aber eine klare Antwort habe ich nicht.

  3. Irene:

    … über Gerald Becker und seine Opfer (die alle Männer waren)

  4. engl:

    altmann kannte ich gar nicht, als ich ihn neulich bei der maischberger sah, kam er mir auch alles andere als heriosch vor. eher schelmisch böse, ganz gut eigentlich. und von roehler waren mir nur nur zwei oder drei filme bekannt, die mir alle ausgesprochen gut gefallen, bevor ich auf den artikel im rolling stone gestoßen bin. auch die beiden bücher kenne ich nicht.

    wichtig war mir zunächst einmal die herangehensweise der presse an das thema kindheit und gewalt, wohl weil mir das thema am herzen liegt. auch in dem faz-artikel wird ja ziemlich zu anfang gleich herausgestellt, wie wichtig es war, daß es bloß keine „elende heulsusen-poesie“ wird. meine these ist: frauen geht es ja vermutlich nicht die bohne anders, auch sie wollen sicherlich nicht auf die opferrolle festgenagelt werden, wenn sie einen derart persönlichen stoff bearbeiten.

    wenn man sich aber einmal ansieht, was beispielsweise mit der kampusch seit ihrer flucht passiert. ich verfolge das nicht intensiv, nur so am rande, wie es sich ergibt. aber es ist doch recht offensichtlich, daß sie seither vorwiegend interpretiert, pathologisiert und wohl auch der lüge bezichtigt wird. dabei scheint sie mir vor allem eine bemerkenswerte junge frau zu sein, die sich ihrer existenz und ihrer eigenständigkeit in jeglicher hinsicht bewußt war und ist und diese auch heute noch vehement zu verteidigen weiß.

    aber das geht wohl gar nicht: ein opfer, das behauptet, kein opfer zu sein – oder keines mehr sein zu wollen – selbst wenn es beschließt, seine geschichte, die ja dennoch nicht einfach verschwindet, zu erzählen. zumindest nicht, wenn es sich um eine frau handelt.

    als blieben frauen in dem punkt immer kinder, immer opfer, während männer zwangsläufig zu helden mutieren.

    doch das bezieht sich hier ausdrücklich nur auf die außensicht. ich einem solchen thema überhaupt zu stellen, ist in jedem fall beachtlich. denn die fallhöhe in die verachtung ist hoch.