die meisten kiefern sehen ja aus, wie in die erde gesteckt. keine wülste am boden, nichts was die erde aufwirft. keine sichtbare macht, so eng und tief scheinen sie zu wurzeln.
das wußte ich noch gar nicht. das ist mir sehr nah.
ich weiß nicht, wann ich das endlich lerne. immer wenn ich behaupte, etwas sei zum glück keine migräne, dann ist es dann am ende doch. das kann doch nicht so schwer sein, nach zirka 40 jahren. (immerhin hat das migränemittel mal wieder gewirkt. ist ja auch was.)
es spricht durchaus für mich und diesen ort ‒ oder? ‒ daß ich den schleichradweg am wasser entlang ins zentrum, wo ich gestern dn englischen laden mit creamtea entdeckt hatte, gleich am zweiten radtag gefunden habe, ohne überhaupt danach zu suchen. und umgekehrt auch, also den rückweg.
lag einfach so auf dem weg. bin nur so rumgeradelt.
weniger schön: daß ich am diesigen, eher kühlen morgen das paddeln verworfen habe, um wenig später schon festzustellen, daß es wohl keinen besseren tag hätte geben können. sonne satt, aber nicht allzu heiß. immer wieder mal ein paar wolken, wenig wind.
die seele hätte es gebraucht.
der schreibtisch in meiner derzeitigen künstlerklause ist übrigens kein schreibtisch. es ist nur ein tisch mit einem stuhl, das macht sich nicht besonders gut für den alten rücken, nacken und damit für den gesamtschädel, der allzuschnell erschöpft und müde darniederliegt.
dabei ist es gerade mal zehn. aber die angelegenheit verdichtet sich ja, und es gibt pläne für morgen. da darf ich in ruhe schlafen. oder?
jetzt doch mit rad unterwegs, die vermieterin hat es mit günstig zur verfügung gestellt. rot ist es, mit damenrahmen und rücktrittbremse. was auch sonst. außerdem macht es mitunter seltsame geräusche. die handbremse bringt fast nix, ich muß also rücktreten. das habe ich mit etwa 11 jahren das letzte mal gemacht. das ding macht mir mehr angst als das rennrad zuhause, und das will was heißen. ich schleiche durch die straßen, altersgemäß könnte man sagen, aber ich komme herum.
die suche nach einem café hat sich entsprechend gezogen. vielleicht auch, weil ich nicht anhalten wollte, einfach so, weil ich keinen platz finden konnte. für mich. so bin ich oft, so bin ich meistens, wenn es um etwas geht. dann finde ich mich nicht zurecht. anhalten konnte ich erst, als ich längst die kleinstadtmitte erreicht hatte, und das auch nur, weil da musik war. straßenmusik, die mich gelockt hat. also kein wasser, kein see, wenig gemütlichkeit. stattdessen ein solider routinebetrieb ohne jeden pfiff.
erst auf dem rückweg stoplterte ich über ein englisches café, außen angeschlagen sind scones und clotted cream, also cream tea. verdammt! (ich hoffe, ich finde das morgen wieder.)
vielleicht sollte ich nicht weniger reisen, sondern mehr. obwohl mir hier bislang so ziemlich alles danebengeht. der versuch, ein fahrrad zu leihen zum beispiel, ist mir heute großflächig misslungen. dabei habe ich zumindest den ersten willigen dealer mit dem wunsch nach einem richtigen rad, also einem mit freilaufnabe und ohne körbchen vorn, aller wahrscheinlichkeit nach heftigst beleidigt. was mir im nachhinein ein wenig leidtut. und etwas anderes ließ sich dann in dem gesamten städtchen tatsächlich nicht finden, zur strafe womöglich.
ersatzweise dachte ich kurz an ein boot, die einer der späteren radverleiher auch in petto hatte. dazu hatte wiederum ich nicht das richtige equipment dabei. und wohl auch nicht die traute, denn es wäre mein erster kanutrip ganz für mich allein gewesen.
aber beim reisen verlässt man ja seine komfortzone, so soll es doch sein. man soll sich unwohl, unbehaglich und verloren fühlen. richtig? scheitern vorprogrammiert.
also vielleicht morgen. ein rad oder ein boot. und vermutlich liege ich dann im wasser, ich kenne mich doch.
heute morgen hat es mich ein wenig gebissen, und ich dachte, ich sollte vielleicht das bild, das ich von meiner familie gezeichnet habe, irgendwie rehabilitieren. obwohl sie das sicher nicht verdient hat.
natürlich wurde mit mir gesprochen. ich habe auch ohne zweifel geantwortet, wenn es mir angemessen schien. wie sonst könnte ich heute sprechen, lesen und schreiben. ich habe sogar „widerworte“ gegeben, wie mir gerne und häufig bescheinigt wurde. die kindliche form der gegenrede, wie mir scheint, die in den 60er und 70er jahren nicht besonders gefördert wurde. das grundkonzept kommunikation habe ich also durchaus verstanden und nach kräften angewendet. aber wirklich geredet wurde eben nicht.
immer wenn es um etwas ging, wurde vorwiegend geschrien. und anschießend geschwiegen, mitunter auch geschlagen. nicht immer war ich das objekt, es gab auch andere. und es gibt sicher vieles, das ich damals nicht verstand und daher heute nicht weiß. auch das ist kommunikation.
was ich weiß, sind die dinge. die männer haben mir gezeigt, was es damit auf sich hat, mein vater und mein opa. auch sie haben nicht viel geredet, der bergmann und der schreiner. sie haben mich zusehen lassen, hören, riechen und verstehen. bald durfte ich sägen, hämmern und bohren, mit den eigenen händen. bald wußte ich, was „anreißen“ bedeutet.
mein opa, der bergmann, hatte einen schuppen, in den er sich zurückzog, wenn es ihm draußen zu laut wurde. ein verschlag eher, voll mit werkzeug, nägeln und schrauben, einer werkbank, einem schraubstock und zwei luftgewehren. nach dem krieg hatten dort die hühner gelebt. in einer ecke stand die kiste mit meinem spielsand, es gab auch ein fenster, das meistens mit anmachholz zugeräumt war. an die äxte durfte ich nicht, an die waffen schon. oder ich habe es einfach getan, sie waren nicht scharf.
kaum jemand folgte meinem opa in sein reich, alle erledigten dort gerade das, was es zu erledigen gab. wäscheklammer holen, besen, gartenscheren oder rasenmäher. nur ich hielt mich dort gern auf. ich ging auch allein hinein und „spielte“ mit den gegen den rost gefetteten schusternägeln, den nach größe sortierten muttern und der munition, die aussah wie kleine diabolos. ich tat nichts verbotenes, auch wenn ich die gewehre vorsichtig aus ihrer ecke nahm. ich durfte dort sein.
mein opa baute mir eine fußbank, damit ich an die werkbank reichte. dann ließ er mich nägel in einer reihe in ein brett schlagen und lobte mich anschießend. er zimmerte mir einen kleinen hängeschrank für mein werkzeug. ein winziger hammer, eine feile und ein 1m-zollstock. noch einiges mehr habe ich ihm abgeschwatzt, um es in dieses kistchen zu legen. schraubendreher vermutlich und „böhrchen“, wie er zu den feinen bohrern sagte, die so gerne brachen.
ich war sehr stolz auf meinen eigenen werkzeugschrank und all die schönen dingen, die sich darin befanden. irgendetwas daran war sehr klar und rein. und liebevoll.
auch mein opa hat irgendwann versucht, mit mir zu reden. das war lange vor der frau in bayern. ich hockte vor dem schuppen und warf groschen an die wand. eine art glücksspiel, wenn man es genau bedenkt. mein opa warf mit und ließ mich gewinnen. ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat. er sprach über meine mutter, die seine tochter war. es klang wie eine entschuldigung. vielleicht. es klang hilflos.
mein schreck war riesig, ich war nicht vorbereitet. ich konnte es nicht einmal fassen, das durfte nicht sein. ich konnte über die dinge in der familie nur schweigen, wie alle es taten. ich dachte, das wäre die regel. ich dachte, sie gelte für alle, für immer. und ich konnte die regel nicht brechen.
ich flüchtete. ich lief weg, phyisch betrachtet, und ich verharrte. diese art von schweigen, die keine freiheit bedeutet, die keine tiefe hat und keine stille in sich birgt. sondern nur die angst vor dem großen knall, wenn die bombe dann platzt. irgendwann. (was sie niemals tut.)
keine ahnung hatte ich, damals, daß ich darin nicht die einzige war. wir alle, vermutlich, waren darin gefangen. die einen schrien vor angst, die anderen schwiegen.
was bleibt sind die dinge. die schärfe von metallspänen. holz und sein geruch. wie es klingt, wenn man das stecheisen ansetzt oder die axt. wie es pfeift und singt, wenn es schreit.