am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

demostrategien

demonstrieren in berlin ist gestaltungssache. inzwischen habe ich mir verschiedenen möglichkeiten erarbeitet, dennoch funktioniert das mal mehr und mal weniger gut. entweder ich verabrede mich, das fällt mir oft am schwersten. ich kann es nicht gut, und werde es in diesem leben nicht mehr lernen, wie das geht, miteinander einen weg zu finden. nicht einmal für ein paar stunden. die zweite möglichkeit ist, dass ich mich hintenherum zur abschlussveranstaltung schleiche, um ein wenig der sache zuzuhören. das allerdings bedeutet oft eine nicht unerhebliche herumsteherei und, ich gebe es zu, ausgedehnte pein und langeweile. langweilig ist jedoch auch die dritte möglichkeit und zwar durchweg, von vorne bis hinten. hierbei handelt es sich natürlich um die einfachste variante, das reine latschen.

heute habe ich mich für eine modifizierte variante drei einschieden. latschen mit rad, bei dem wetter eine große freude*.

nebenbei gab es hübsche randerscheinungen zu fotografieren, die nahezu metaphorisch anmuten.

* FCKAFD

ruhelos

es ist frühling, eindeutig. fast hätte ich vergessen, dass ich jetzt an einer kneipenkreuzung wohne. zwischen zwei und drei monaten war einigermaßen ruhe, das war wohl der winter. da geht man nicht in die kneipe, kann das sein? an mir lag es jedenfalls nicht, ich schlafe immer bei offenen fenster.

gestern nacht war dann schluss mit tiefschlaf. obwohl ich lange gearbeitet hatte, bis nach zwölf auf jeden fall, ging es danach nicht einfach so ins bett. denn bis nach eins, bis weit nach zwei gab es draußen frühlingsparty. offensichtlich hatten sich die kneipe und der gegenüberliegende späti dazu verabredet, da ging ein ständiges gegröhle hin und wieder her. junge leute, mehr mädchen als jungs, so kam es mir vor. die reinste freude.

alles schön und gut, aber muss das bei mir sein? muss das wirklich? das war so lange eine relativ ruhige großstadtecke hier, ein wahres wunder. ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich mich wirklich damit abfinden muss. dass das hier jetzt womöglich eine ecke wird, wo fröhlich angetrunkene menschen in kleingruppen mitten auf der kreuzung stehen. und damit quasi in meinem schlafzimmer, mit ihren lautstarken witzen, dem lachen und jaulen. so hocken sie auf meiner bettdecke.

nachts um halb drei. himmel, ich bin zu alt für sowas!

20

heute, vor genau zwanzig jahren, bin ich in berlin angekommen. vor ein paar wochen schon habe ich es im blog nachgesehen, geht ja ganz einfach, und es mir in den kalender geschrieben. dass ich es nicht vergesse.

das also war am morgen des letzten tages in wuppertal.

ohne den kalendereintrag hätte ich es vermutlich tatsächlich vergessen. zu viel zu tun dieser tage, zu viel unerwartetes auch. (nix von bedeutung, nur software-upgrades, die plötzliches umlernen der anwenderin erfordern. von mir, der nutzerin. also unerwartete konzentration auf alltägliches handeln.) aber jetzt steht es da und überall. auch in meinem hirn windet sich lang verschollene erinnerung.

die wohnung, damals. dieselbe, immer noch. so war das nicht geplant. ich dachte, tatsächlich, ich würde noch weiterzuziehen, innerhalb von berlin. ausgerechnet ich, natürlich nicht. grob geplant war auch, dass ich nur etwa zehn jahre bleiben wollte. und dann weiter, in meine damals schon heimlich lieblingsstadt.

was überhaupt ich mir gedacht habe, bei diesem umzug. mehr als waghalsig, ohne jegliche absicherung. so waren sie dann auch, die ersten jahre. mit sehr wenig geld vor allem, aber auch sonst. heute wäre das undenkbar, allein schon der wohnungsmarkt würde mich nicht mehr einlassen. ob das gut ist. oder wäre. keine ahnung.

heute denke und weiß ich, dass es gut war, das unmögliche zu tun. damals. vieles hat sich super entwickelt und bestens gefügt inzwischen. besser als ich zu hoffen gewagt hatte. allerdings nur auf lange sicht, sehr lange sicht mitunter. so weit, wie ein mensch nicht sehen kann. oder gar planen.

alles ist anders geworden. ich bin anders geworden, älter vor allem. und immer noch habe ich mir gegenüber diese eigenartige haltung. mehr eine sichtweise, vielleicht.

dass ich so richtig eigentlich noch gar nicht angefangen habe.

von zero auf zwanzig

ich habe nachgesehen, hier im blog, dafür hat man sowas doch, oder? genau heute bin ich seit exakt zwanzig jahren in berlin. zero, so habe ich das damals genannt.

neuköllner straßen

ein bisschen schwächeln, ein paar tage nacken und rücken und so. egal. schlimm ist anderes, das sich derzeit aufzutun scheint. eine fremde stimmung in der mich umgebenden multikulturalität, wie ein starrer riegel

gestern stand ich in einem laden, vorwiegend um mich bei einem regenschauer unterzustellen. aber solche zeichenbedarfgeschäfte mit einer kleinen buchabteilung sind natürlich auch verlockend für mich. da höre ich eine laute männerstimme vom eingang, die etwas von „deutsch sprechen“ krakeelt, immer wieder, immer mehr. ich schaue hin und sehe, dass er mit einer frau und einem kind spricht, die sich beide fahrradregenfertig machen. beide reagieren nicht, das kind dreht dem typen den rücken zu, aber sie sind gemeint. das ist deutlich.

ich verstehe den zusammenhang nicht, aber es klingt böse. so böse, dass ich beschließe, sichtbar in der nähe zu beiben. für alle fälle. der mann schwenkt um auf „europäisch reden“, was seiner meinung nach hier auch nicht erlaubt ist. (haben die beiden etwa englisch gesprochen, ich weiß es nicht.) dabei hampelt er mit seinem rad, dreht sich im kreis, nicht nur mit worten. es ist albern, aber irgendwie auch nicht. so etwas habe ich lange nicht gehört, schon gar nicht so laut, so deutlich. und hier in neukölln.

es hört auf zu regnen, ich mache mich auf nach hause. an einer kreuzung, an der sowieso immer alles eng verparkt ist, befindet sich jetzt auch noch ein baustelle. und es kommt ein typ mit einem großen hund, einem brocken von rottweiler. ich hab es nicht so mit hunden. ich habe nicht wirklich angst, ich will nur nicht missverstanden und nicht belästigt werden. ich will, dass wir alle unserer wege gehen können. unbehelligt. wenn ich merke, dass es eng wird, bemühe ich mich seitwärts oder hintenrum vorbei meinen weg zu machen. und bei einem rottweiler ganz sicher!

ich zögere also, um herauszubekommen, wo hund und herrchen hinwollen könnten. damit ich von da aus meinen weg definieren kann, kein problem. nur dass das herrchen mich plötzlich anpfeift. ich sei doch deutscher*, heißt es, hätte aber angst wie ein araber. einen moment lang weiß ich nicht weiter. bei angriffen, auch verbalen, tendiere zur fassungslosigkeit und zum erstarren. dann laufe ich einen großen bogen, weg von dem hund, der womöglich (hoffentlich) gar nicht das problem war.

ich glaube, ich sage noch: halts maul, junge. oder etwas ähnliches mit „junge“, was mir sofort lahm vorkommt, beinah peinlich. vor allem, weil ich gerade seitlich weglaufe. aber vor den typ habe ich wirklich angst und jetzt auch vor seinem hund. andererseits: der „mann“ ist wirklich deutlich jünger als ich, vielleicht so um die vierzig. für mich ist das ein junge, das ist nicht mal gemein.

ich mag mir gar nicht vorstellen, wie dieser typ mit seinem bulligen köter durch die neuköllner straßen schiebt und „arabern“ angst macht. zu machen versucht. oder am ende schlimmeres?

heute dann, nicht weit von den beiden gestrigen schauplätzen, kommt mir eine gruppe jungs entgegen. wirkliche jungs, alberne, schlaksige schuljungs, die ferien haben und durch den regen stromern. einer von ihnen trägt eine kippa, das habe ich hier noch nie gesehen. das ist tough! das freut mich, irgendwie, und erschreckt mich auch. weil ich nicht anders kann als weiterdenken.

* das werte ich als missgendert, ausnahmsweise, obwohl ich das im allgemeinen ganz lustig und auch nicht so ganz falsch finde.

mehr nicht

jetzt bin ich drei- oder viermal an dem vorbeigelaufen, was ich für den beginn des weiteren umbaus der weserstraße zur fahrradstraße gehalten habe. kann sein, dass da nur ein wenig in der unterwelt gegraben wird, vielleicht an den rohren geschaubt. das ist alles. ich bin enttäuscht.

aber immerhin sehe ich wieder einmal die unerwartete gesamtgröße von kopfsteinpflastersteinen.

stille, sonntag morgen in neukölln. erst trällert ein e-scooter, minutenlang ruft er stoisch um hilfe. ohne erfolg, vermutlich. dann die amsel, ihr freundliches lied, wie es sich gehört. wenig später schreien die krähen ihren seltsamen gesang. diese punks, denen man ihre komplexität nicht anhört. mir sehr vertraut. am ende der laubbläser, mit dem der späti den berliner dreck vor sich hertreibt.

wie jeden morgen.

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