wie soll ich es ausdrücken?
’so denken alle‘, hat meine mutter früher immer geschrieen, wenn sie nicht mehr weiter wußte. so hart, daß ihre stimme nach hinten überschlug. ’so wie ich, das ist normal.‘ dabei war sie verzweifelt, lebte allein in ihrer welt, in die sie uns doch alle mit hineinzwang. wieder und wieder schlug sie alle türen mächtig zu. hinter sich oder vor sich. wo ist da der unterschied?
nichts hören, nichts sehen. können. wollen, am ende. nichts wissen. inmitten der welt, die klein wird, auf diese art. eng und immer enger. das denke ich heute, jenseits der kinderangst. schlimm und immer schlimmer, in all den jahren, die nur ich längst ganz woanders verbringe. und mein vater, der früh gestorben ist, als hätte es keinen anderen weg gegeben. (nun ja, für ihn, aber was weiß schon ich? das war schließlich seins.)
irgendwann sind sie alle zu, die türen. das zumindest ist eine wahrheit.
aber so ist das, in den inneren zirkeln der emotion, in kleinen, überschaubaren gesellschaften. da geht es zur sache, wenn es sein muß. und es muß oft, zu oft. am meisten aber, wenn es um schuld geht und die frage, wer denn angefangen haben könnte. da gibt es nichts. da hilft auch nichts. da muß man durch, auch wenn es keinen ausweg gibt. keine letzte antwort, die alles klären könnte. nur schweigen. vielleicht. in einem gewissen rahmen, bevor es unerträglich wird.
so wird alles zum kampf, letztendlich, und auf diese art entstehen wohl auch kriege, vielleicht nicht nur die kleinen. verstörung und zerstörung liegen dicht beieinander, in sichtweite sozusagen. wie liebe und haß, die in einem wort verschmelzen können.
am ende trägt nur mitgefühl das wesen der objektivität. so seltsam das auch klingen mag.
kurzentschlossen
eigentlich wollte ich ja nur schnell milch kaufen gehen. und brot und eine topf basilikum vielleicht, glatte petersilie oder rosmarin, irgendetwas für den balkon. einen anfang machen. jetzt riecht es draußen nach lavendel und zitronenthymian. margariten und andere kleinere, aber rote blümchen, deren namen ich schon wieder vergessen habe, stehen tapfer im wind. und auch die tomaten sind bereits gepflanzt. möglicherweise zu früh, ich weiß es nicht mehr genau. aber es sind kleine pflänzchen, die noch nicht in sich zusammengewachsen sind, wie man es später oft sieht. gestaltbar also, und so muß es sein. denn die dinger wachsen hoch, man muß sie leiten und binden, entsprechend den gegebenheiten. der nachmittag verging also mit erdwühlereien, beinah alle verfügbaren töpfe sind nunmehr bereits vergeben. fehlt nur noch basilikum und petersilie, die glatte, wenn es geht. ausgerechnet die beiden habe ich nicht gefunden. aber mit einem efeu versuche ich es, wieder einmal, ein letztes mal. immer fängt er sich läuse bei mir, innerhalb kürzester zeit. drinnen die grünen und draußen die fetten schwarzen, die eigentlich rot sind. mal sehen. wenn es diesmal nichts wird, dann weiß ich auch nicht. (erste bilder morgen, wenn die sonne scheint.)
what a day
auf dem balkon stehe ich freihändig auf der obersten stufe der leiter, um eine pflanzenschale anzubringen. bohrmaschine, hammer, dübel, schraubendreher. die oberste stufe der leiter hat exakt die höhe der brüstung, nicht weit entfernt. aber das macht nichts. ich stehe und überblicke die welt. ich tue, was zu tun ist. solche tage sollte es häufiger geben.
arbeitsreich
ich komme aus einer anderen welt.
da, wo ich bislang gearbeitet habe, haben wir zusammengearbeitet. wir wußten, wo es langging, wie der zeitplan ist, wann das produkt zu stehen hat. woche für woche. wir waren informiert. alle. von der chefin bis zur putzfrau, die ebenfalls genau wußte, wann welche grundreinigung ganz sicher nicht angesagt war. wir wußten noch mehr voneinander, viel mehr. im laufe der jahre haben wir nicht nur berufliche highlights und katastrophen, umzüge und sonstige umstellungen miteinander bewältigt. wir haben hochzeiten und scheidungen erlebt, todesfälle und geburten. auch äußerst schwierige geburten; lebenspläne, die durch unvorhergesehenes gänzlich umgeworfen wurden. was heißt umgeworfen? ins bodenlose gestürzt. alles das wirkt sich auf die arbeit aus, ohne frage. aber niemand hat seinen job verloren, trotz noch so großer krisen. in dem kleinen büro hat es immer funktioniert, daß eine für die andere eingesprungen ist. wenn auch noch so unwillig, mitunter. es hat doch geklappt. und niemand mußte je mit zugezogenem reißverschluß, bis zum kinn, die gemeinsamen räumlichkeiten betreten, sich selbst verleugnen, den unverkennbaren grundzustand. (die liebe, der scheidungskrieg, kranke kinder, tote hunde, mirgäne, …) das war unnötig, wenn nicht überflüssig. im krankheitsfall war niemals der gelbe schein das wichtigste utensil. vielleicht auch nicht die anteilnahme, die es aber durchaus immer gegeben hat. wichtiger war schon die bewältigung der anstehenden arbeit unter den gegebenen umständen. aber dafür ist es eben arbeit, und kein freizeitclub. das wäre ja noch schöner.
manchmal hat die chefin für uns gekocht, mitunter sogar am wochenende. vielleicht hat sie auch nur die übriggebliebenen partyreste mitgebracht, wer weiß? in den sommerferien, wenn so gut wie nichts zu tun war, haben wir um die ecke gedacht = gemeinschaftlich zeiträtsel gelöst. vor weihnachten, der branchenbedingten hochsaison, gab es kaum zeit für eine pause. gegessen wurde während der arbeit, wer immer zehn minuten zeit hatte, versorgte alle anderen mit irgendwelchen bissen vom nächstgelegenen bäcker. der ton wurde härter in solchen zeiten, nicht nur verbal, auch die scheren flogen tief. und die nerven lagen blank. aber jede kannte jede, und alle wußten, wie die andere zu nehmen war. beleidigungen waren an der tagesordnung, entschuldigungen aber mußten selten sein. jede wußte ohnehin bescheid, und auch die neuen fanden sich meist rasch zurecht.oder sie blieben fremd und damit nicht lange.
natürlich haben solch familiär strukturierte büroverbünde auch nachteile. an die irgendwann plötzlich ausbrechende mobbingmode erinnere ich mich höchst ungern, aber die war nach ein paar wochen ausgestanden. auch die sich immer und immer wiederholenden geschichten gehen nach einigen jahren gehörig auf die nerven. wie in einer familie eben, das ist ja nichts besonderes. alles in allem aber macht es das arbeiten leichter und besser, mehr oder weniger ganz anwesend sein zu dürfen.
so war das damals. inzwischen sieht das anders aus.
das momentan regelmäßig von mir frequentierte callcenter übt sich vorwiegend in interner unkommunikation. infos werden vorzugsweise verspätet intoniert, dann, wenn man den ersten kunden schon gehörig verstottert hat. absprachen oder zusagen gar sind selten ernst zu nehmen, dafür gibt es verwunderte gesichter, wenn man nicht von einen tag auf den anderen disponieren kann. und schöne betriebsversammlungssätze wie: ’seien sie doch froh, daß es überhaupt kaffee und wasser umsonst gibt, anderswo ist das nicht so.‘ auf die frage nach milch und zucker. und: ’seien sie doch froh, daß es genug zu tun gibt, anderswo… .‘ auf die frage, wie denn die in den nächsten monaten anstehende zusätzliche arbeit vergütet werden würde.
bei all dem ist natürlich der zuletzt angestellte hiwi der clown, und damit muß ich mich nun wohl oder übel abfinden. nach ursachen wird nicht gefragt, nicht einmal nach einer objektiven einschätzung. was zählt sind die produktionszahlen, wie bei einer stanzmaschine. der ausschuß wird geduldig gesammelt und summiert. dazu die wenn-nicht-du-dann-eben-wer-anders-mentalität, zumindest aber der wettbewerbsansatz. als könnte jeder immer nur gold wollen. und dann auch noch kriegen.
aber alles das tue ich natürlich gern, dafür bin ich doch wie geschaffen. clown sein, der mit der blinkenden roten nase. oder der affe in der letzten reihe. der, der am schluß geduldig nickt, wenn etwas daneben gegangen ist. schweigend und dumm.
willkommen im leben, könnte man meinen. aber immer noch denke ich anders, ich idiotin. (hat meine mutter schon immer zu mir gesagt.) auch im früheren job war ich das letzte glied, die hiwischnepfe mit der geringsten stundenzahl und dem geringsten einkommen. (wenn auch dem vermutlich höchsten im vergleich zu den anderen hiwis, aber nur weil ich am längsten ausgehalten habe.) dennoch… aber das erwähnte ich bereits.
wirklich zusammenzuarbeiten, ohne den mittlerweile so weit verbreiteten zynismus, ist nicht nur angenehmer, sondern letztendlich immer auch produktiver. obwohl es wenig zeitgemäß erscheint, schon klar. aber das war ich schließlich auch noch nie.
dreck!
ganz schlechter morgen, heute. lange vor dem wecker halbwach, schmerzwach, dieser altvertraute feste griff im nacken. wirr geträumt dazu, realitätsnah und gleichermaßen weltfremd. angst, oder so etwas ähnliches. ich will keinen tag, heute mal nicht. keine welt, keine menschen. undsoweiterundsofort. gegen sieben dann zum paracetamol gewankt. trotzdem immer noch eine ‚lahme‘ rechte seite, und das nicht nur im kopf. essen geht auch noch nicht.
dann kein internet, stundenlang, bis alles tausendmal hin und her resettet(!) ist. und auf einmal doch wieder geht.
was soll der dreck?