sehr neben mir, weit ab. nur der text findet mich noch, trifft mich, wird. der rest ist erschöpfung und zunehmend auch schmerz. schreiben ist körperlich, am ende geht es ans letzte.
ein eigenartiges gefühl beherrscht mich. als hätte ich gar nichts getan, nichts geschafft in den letzten vier tagen. dabei habe ich nächtliche debatten über die egozentrik meiner erzählerin geführt. über meine eigene egozentrik wohl auch, wobei ich beides zunächst nicht so recht gelten lassen wollte. alles eine frage der perspektive. und der ebenen. ich habe zwei passagen nicht umgeschrieben, sondern grundlegend neu konzipiert, eine grob gerichtet für den feinschliff später. und ein paar neue aspekte, die ich noch nicht so recht weiß. außerdem eine bestehende szene um etwas ganz neues ergänzt.
das ist nicht wenig, fast zwanzig seiten, zum teil komplett neu. außerdem war ich paddeln gestern, fast den ganzen tag. mit einem geliehenen seekajak auf der dahme, mal so richtig mit speed. endlich habe ich es begriffen. das ein- und aussteigen macht mich aber immer noch so richtig satt nass, da hilft nix. und heute dann schnitzel essen und eis im park, am letzten sommertag. menschen treffen, die ich umständehalber lange nicht gesehen habe. man weiß ja auch nicht, wie der winter werden wird. ob man da wieder lange keine menschen mehr sehen können wird.
ich. ich meine ich. (ist sie das, meine egozentrik?)
im grunde kann ich zufrieden sein. all die angefangenen stellen sitzen noch nicht, sind keinesfalls fertig. aber jetzt ist ohnehin zeit, sie erst einmal ruhen zu lassen. alles gut also.
zurück im text, wie versprochen. nur ein bisschen, heute war arbeitstag, anschließend stand eine kleine übersetzung an, die morgen fertig sein muss. eigentlich wollte ich nicht mehr, bin dann aber doch noch durch ein paar frisch geschriebende dialoge vom wochenende. gar nicht so schlecht, alles in ordung eigentlich. ein paar feinheiten, die die energie steuern. bis es wehtut.
der text hat mich überwältigt, übrigens. er hat angefangen, mich zu fragen, verlangt von mir, was ich bislang verweigert habe. er will mein leben. ich bin kein mensch, ich bin das material. ich koche die substanz, ich spüre es. körperlich.
vor etlichen jahren zehn oder fünfzehn vielleicht, habe ich die kiste der eigenen kindheit geschlossen. nicht zwanghaft und nicht vernagelt, sie hat sich eher von selbst geschlossen. nach all dem reden und suchen, den wiederholungen bis zur erschöpfung hat sich der deckel langsam geschlossen. und ich war einverstanden, nicht mehr zu fragen, obwohl längst nicht alles ergründet ist, und nach und nach zu vergessen. irgendwann muss man aufhören damit, ganz egal, wann. fertig wird man nie damit, ein natürliches ende gibt es für diese dinge also nicht.
jetzt hat der text danach gefragt, nach mir und meinen erfahrungen. er hat kontakt aufgenommen, weil er einen abgrund will, der unter alles gelegt ist. das fundament. gedacht habe ich es immer schon, eigentlich ohne jeden zweifel vorausgesetzt. aber nur wenig formuliert, um es nicht zu übertreiben. mich nicht darin zu verlieren. das war gut, glaube ich. sonst wäre all das andere, das darüber nicht gelungen.
die kiste steht also offen, mitten im raum, weil der text es so will. nicht ich. ich erkenne es wieder, alles. ich erkenne mich wieder. ich spüre den sog, die verzweiflung, körperlich. ich bin fassungslos, dass ich so gelebt habe, so lange. in so engen schleifen zu anfang, dass es nichts anderes zu geben schien.
ich weiß wirklich nicht, wie das kind, das ich war, überhaupt zu leben in der lage war. wie es weiterleben konnte, immer wach und klar. und immer am abgrund. dass es mich heute gibt, wie mich gibt. kein monster und kein mörder, ein erzähler. (und manchmal ein trampeltier, aber eher selten.)
das ist so lange her, vierzig jahre, fünfzig oder noch mehr. trotz allem ist das alles ist nicht mehr ich. ich kann damit arbeiten, ohne mich oder das, was damals war, zu verraten. ich kann es nutzen, wie der text es fordert. das tue ich jetzt. und es gelingt.
persönlich ist wenig übrig, was noch zu erledigen ist. das aber sollte ich tun, ganz bald.
ich verlerne es tatsächlich, das mit den menschen. heute bei einer lesung gewesen, irgendwie die erste veranstaltung seit februar. für mich. das war auch eine lesung, und das war toll. wenn auch schwierig, es ist immer schwierig mit menschen.
heute war es ein elend. als einzelperson allein auf einen platz ganz hinten, hinter eine säule gewiesen worden. so ist das ja jetzt, man bekommt einen platz zugewiesen. ganz am arsch, sage ich. tatsächlich. das war nicht nett. ich habe mich nicht im griff. ich entschuldige mich auch nicht, es ist mir zuviel, alles. dass ich allein sitze, wie alles an mir allein ist seit mitte märz. viel mehr plätze gibt es für zwei, bessere plätze. aber ich bin allein, ich liebe nicht, ich tanze nicht, und meine katze ist auch tot. schon lange.
niemand ist, wo ich bin. außerdem ist es ja womöglich die letzte veranstaltung, in diesem jahr oder im nächsten, oder was-weiß-ich. ich will einfach nur da sein, nicht auffallen und still nach innen weinen. oder hoffen vielleicht, obwohl ich alle hoffnung langsam aufgegeben habe. ich will nur noch schreiben. und hören, was andere schreiben. manchmal. mehr will ich doch nicht.
dann kommt der platzzuweiser zu mir, informiert mich, dass vorn jetzt doch noch ein einzelplatz wäre. eigentlich will ich gar nicht. ich hab es ja nur vergessen, dass ich irgendwo nach hinten gehöre. dahin, wo man nicht gesehen werde. dass ich von allein genau dort hingegangen wäre. ich gehe dann aber doch. ich muss meinen helm beiseite räumen und die schwere jacke, damit ich das nicht alles mit mir schleppe. auch dazu werde ich angewiesen. dann lande direkt vor der kleinen bühne. ein guter platz, aber den hätte ich mir selbst nie ausgesucht, wenn ich ehrlich bin. da bin ich viel zu sichtbar.
hinter mir sitzt die inhaberin meiner agentur. (nicht meine agentin.) ich drehe mich ein paarmal um, sie erkennt mich nicht. was kein wunder ist, wir sind uns nur zweimal kurz begegnet. einen moment lang denke ich über höflichkeit nach, statt der lesung zu folgen. soll ich auf mich hinweisen, später? mich vorstellen? oder ist es höflicher, es einfach dabei zu belassen? ich weiß es nicht. mir ist unbehaglich, und ich weiß nicht, warum.
am ende der verstaltung erzählt mir der platzzuweiser dann etwas von meinem „großen auftritt“, und ich bin sofort erschrocken. meine schuhe haben wohl derart auf dem boden gequietscht, dass ich mächtig gestört habe bei meinem platzwechsel mitten im programm. das ich als trampeltier, und ich habe es nicht gemerkt. ich hab es ja noch nicht einmal gewollt. das ist genau, was ich mir wünsche im leben. jetzt.
ich verlerne alles, was ich mühselig gelernt habe, in vierzig, fünfzig jahren. nach knapp sechs monaten nur kann ich innen und außen nicht mehr auseinanderhalten, verliere die gewalt über meine präsenz und beleidige menschen mit meiner verwirrung. ich verliere das kleine bisschen sicherheit, das ich mir in jahrzehnten erobert habe. vor allem verlerne ich, dem zu folgen, was ich weiß und will. wenn menschen da sind. ich degeneriere zu einem kind, offensichtlich, das vor angst alles falsch macht.
jetzt ich denke nach über einsiedelei. nicht das erste mal in den letzten monaten. alles aufgeben, was ich besitze. ein einzelnes zimmer mieten, irgendwo, nur mit netz für die arbeit. mehr nicht. keine menschen mehr sehen, all das austrocknen lassen in mir. ehe es mir völlig entgleist. die sehnsucht langsam verhungern lassen. es hilft ja nichts.
aber was mache ich dann mit dem buch, das schon so weit, so gut wie fertig ist? beenden und dann vernichten? wie ein mandala?
oder will es leben? und ich habe nicht das recht, es zu töten. aber kann es leben, ohne mich?
das alles ist ein wenig theatralisch, ich weiß. ich will das auch nicht, leben ohne menschen. ohne schreiben. und ich will bei meinem schreiben bleiben, mit meinem gesicht, meinem leben.
aber ich weiß nicht, ob es nicht einfach nicht sein soll. so wie ich will. und ich mich nicht einfach nur einverstanden erklären muss. endlich. denn eigentlich war es doch nie anders.
kein mensch will mich. (hat schon meine mutter immer gesagt: glaubst du, dich will wer?) ich bin allein.
(jammermodus: aus. morgen wieder in den text. der wird so gut, den überlebt dieses ich sowieso nicht.)
ich tue, was ich kann. alles ist aufgerissen. der text frisst an meinem leben, ich habe das erlaubt. es muss. ich schreibe nicht über mich, aber ich schreibe von mir. auch.
so ist das.
mein hirn kommt an seine grenzen. vierhunderziebzig seiten, alle im kopf. ich finde nicht mehr alles, was ich suche. ich vergesse, welche kleinigkeiten ich erledigt habe. das ist nicht so wichtig, aber störend. das größere immerhin, das habe ich noch im blick, im kopf und im gemüt.
geht schon.
das umschalten auf die arbeit fällt schwer. auch das umschalten auf menschen. das umschalten auf die welt sowieso. trump first, oder wie heißt das? das ist etwas, das ich einfach nicht packe. es packt mich an, aber: macht doch euren dreck allein! (macht ihn weg!)