warten auf den tod. dabei leben und arbeiten, schlafen, essen und lachen sogar. den tod fast vergessen, aber doch nicht wirklich. niemals ist er wirklich. bis er dann da ist. morgen.
(vor 20 jahren.)
im warten auf den tod geht der alltag unter. im hoffen auch. ich fahre ins büro und nach düsseldorf, immer im wechsel. ich schlafe kaum. das wird so bleiben für die nächsten monate, lange nachdem der tod sich längst eingestellt hat.
ich bin leicht, im großen und ganzen. ich bin da. nichts ist mehr wie immer.
so war es vor 20 jahren.
drei stunden durch die stadt laufen, um die innere raserei zu beruhigen, und fünf stunden tango tanzen gestern haben ihrem preis. blasen unter den fußsohlen, vorn an den zehen, eigentlich überall. laufen geht gerade kaum noch.
aber tanzen ist gut. tango macht glücklich, auch in augenblicken, die hoffnungslos sind. vielleicht gerade dann. kurz aus der starre in die bewegung gehen, für ein paar minuten nur, ahnungslos sein. und wieder zurück, weil es anders (womöglich) nicht geht. das ist überraschend schön. und es hilft.
daß ich außerdem nachts aufwache, weil ich mir mit aller kraft von innen in die wangen beiße und das kaum wieder lassen kann. auch nicht bewußt, nicht mit aller anstrengung. loslassen. auch das gehört dazu. dann der geschmack von blut. nein, das wundert mich nicht.
heute vor 20 jahren völlig überraschend eine hürde genommen. stirn an stirn mit meinem vater. aus versehen eigentlich, familiäre barrikaden eingerissen, wie im sturm. und zugleich wie von allein. niemand hat es gesehen, auch worte gab es keine. mein vater sprach nicht mehr, ein schlaganfall lag zwischen seinem geburtstag und dem tag danach. dem tag, an dem ich dort war. allein. oder nein, natürlich nicht. da waren viele. selbstverständlich waren da viele. menschen, die ich alle kaum beachtet habe.
kein wort mehr möglich. und womöglich hätte es auch nichts zu reden gegeben. damals.
heute dagegen wäre das womöglich anders.
heute würde mein vater 83, wäre er nicht schon vor 20 jahren gestorben. nächste woche donnerstag, gegen 2 uhr nachts etwa, wenn ich mich nicht total vertue. ich war 30 und zusammen mit meinem bruder ganz allein bei ihm. in der nacht. gut so.
alles gut. ich bin erwachsen seitdem. (spätestens.)
die spitzenklöpplerin jetzt gerade auf arte. muß ich mit zirka vierzehn oder fünfzehn in einem kino in essen gesehen haben, erinnere mich aber so gut wie gar nicht an den inhalt. nur daß ich dort war, in dem kleinen studiokino in der lichtburg, was für eine name, daran erinnere ich mich. und an die zeit damals. daß ich ins kino geflüchtet bin, in das dunkel der filme, mehrmals in der woche. allein. daß ich niemals mit jemandem gesprochen habe, auch nicht über filme. auch nicht über diesen film. nicht einmal verraten habe ich, wo ich war. niemals. daß ich wo war. daß ich war. wenn ich war. war ich?
so habe ich gelebt, damals. so lebe ich noch heute. fast. nicht ganz. aber ich lebe noch.