am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

jetzt doch mit rad unterwegs, die vermieterin hat es mit günstig zur verfügung gestellt. rot ist es, mit damenrahmen und rücktrittbremse. was auch sonst. außerdem macht es mitunter seltsame geräusche. die handbremse bringt fast nix, ich muß also rücktreten. das habe ich mit etwa 11 jahren das letzte mal gemacht. das ding macht mir mehr angst als das rennrad zuhause, und das will was heißen. ich schleiche durch die straßen, altersgemäß könnte man sagen, aber ich komme herum.

die suche nach einem café hat sich entsprechend gezogen. vielleicht auch, weil ich nicht anhalten wollte, einfach so, weil ich keinen platz finden konnte. für mich. so bin ich oft, so bin ich meistens, wenn es um etwas geht. dann finde ich mich nicht zurecht. anhalten konnte ich erst, als ich längst die kleinstadtmitte erreicht hatte, und das auch nur, weil da musik war. straßenmusik, die mich gelockt hat. also kein wasser, kein see, wenig gemütlichkeit. stattdessen ein solider routinebetrieb ohne jeden pfiff.

erst auf dem rückweg stoplterte ich über ein englisches café, außen angeschlagen sind scones und clotted cream, also cream tea. verdammt! (ich hoffe, ich finde das morgen wieder.)

reisen soll ich

vielleicht sollte ich nicht weniger reisen, sondern mehr. obwohl mir hier bislang so ziemlich alles danebengeht. der versuch, ein fahrrad zu leihen zum beispiel, ist mir heute großflächig misslungen. dabei habe ich zumindest den ersten willigen dealer mit dem wunsch nach einem richtigen rad, also einem mit freilaufnabe und ohne körbchen vorn, aller wahrscheinlichkeit nach heftigst beleidigt. was mir im nachhinein ein wenig leidtut. und etwas anderes ließ sich dann in dem gesamten städtchen tatsächlich nicht finden, zur strafe womöglich.

ersatzweise dachte ich kurz an ein boot, die einer der späteren radverleiher auch in petto hatte. dazu hatte wiederum ich nicht das richtige equipment dabei. und wohl auch nicht die traute, denn es wäre mein erster kanutrip ganz für mich allein gewesen.

aber beim reisen verlässt man ja seine komfortzone, so soll es doch sein. man soll sich unwohl, unbehaglich und verloren fühlen. richtig? scheitern vorprogrammiert.

also vielleicht morgen. ein rad oder ein boot. und vermutlich liege ich dann im wasser, ich kenne mich doch.

die dinge

heute morgen hat es mich ein wenig gebissen, und ich dachte, ich sollte vielleicht das bild, das ich von meiner familie gezeichnet habe, irgendwie rehabilitieren. obwohl sie das sicher nicht verdient hat.

natürlich wurde mit mir gesprochen. ich habe auch ohne zweifel geantwortet, wenn es mir angemessen schien. wie sonst könnte ich heute sprechen, lesen und schreiben. ich habe sogar „widerworte“ gegeben, wie mir gerne und häufig bescheinigt wurde. die kindliche form der gegenrede, wie mir scheint, die in den 60er und 70er jahren nicht besonders gefördert wurde. das grundkonzept kommunikation habe ich also durchaus verstanden und nach kräften angewendet. aber wirklich geredet wurde eben nicht.

immer wenn es um etwas ging, wurde vorwiegend geschrien. und anschießend geschwiegen, mitunter auch geschlagen. nicht immer war ich das objekt, es gab auch andere. und es gibt sicher vieles, das ich damals nicht verstand und daher heute nicht weiß. auch das ist kommunikation.

was ich weiß, sind die dinge. die männer haben mir gezeigt, was es damit auf sich hat, mein vater und mein opa. auch sie haben nicht viel geredet, der bergmann und der schreiner. sie haben mich zusehen lassen, hören, riechen und verstehen. bald durfte ich sägen, hämmern und bohren, mit den eigenen händen. bald wußte ich, was „anreißen“ bedeutet.

mein opa, der bergmann, hatte einen schuppen, in den er sich zurückzog, wenn es ihm draußen zu laut wurde. ein verschlag eher, voll mit werkzeug, nägeln und schrauben, einer werkbank, einem schraubstock und zwei luftgewehren. nach dem krieg hatten dort die hühner gelebt. in einer ecke stand die kiste mit meinem spielsand, es gab auch ein fenster, das meistens mit anmachholz zugeräumt war. an die äxte durfte ich nicht, an die waffen schon. oder ich habe es einfach getan, sie waren nicht scharf.

kaum jemand folgte meinem opa in sein reich, alle erledigten dort gerade das, was es zu erledigen gab. wäscheklammer holen, besen, gartenscheren oder rasenmäher. nur ich hielt mich dort gern auf. ich ging auch allein hinein und „spielte“ mit den gegen den rost gefetteten schusternägeln, den nach größe sortierten muttern und der munition, die aussah wie kleine diabolos. ich tat nichts verbotenes, auch wenn ich die gewehre vorsichtig aus ihrer ecke nahm. ich durfte dort sein.

mein opa baute mir eine fußbank, damit ich an die werkbank reichte. dann ließ er mich nägel in einer reihe in ein brett schlagen und lobte mich anschießend. er zimmerte mir einen kleinen hängeschrank für mein werkzeug. ein winziger hammer, eine feile und ein 1m-zollstock. noch einiges mehr habe ich ihm abgeschwatzt, um es in dieses kistchen zu legen. schraubendreher vermutlich und „böhrchen“, wie er zu den feinen bohrern sagte, die so gerne brachen.

ich war sehr stolz auf meinen eigenen werkzeugschrank und all die schönen dingen, die sich darin befanden. irgendetwas daran war sehr klar und rein. und liebevoll.

auch mein opa hat irgendwann versucht, mit mir zu reden. das war lange vor der frau in bayern. ich hockte vor dem schuppen und warf groschen an die wand. eine art glücksspiel, wenn man es genau bedenkt. mein opa warf mit und ließ mich gewinnen. ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat. er sprach über meine mutter, die seine tochter war. es klang wie eine entschuldigung. vielleicht. es klang hilflos.

mein schreck war riesig, ich war nicht vorbereitet. ich konnte es nicht einmal fassen, das durfte nicht sein. ich konnte über die dinge in der familie nur schweigen, wie alle es taten. ich dachte, das wäre die regel. ich dachte, sie gelte für alle, für immer. und ich konnte die regel nicht brechen.

ich flüchtete. ich lief weg, phyisch betrachtet, und ich verharrte. diese art von schweigen, die keine freiheit bedeutet, die keine tiefe hat und keine stille in sich birgt. sondern nur die angst vor dem großen knall, wenn die bombe dann platzt. irgendwann. (was sie niemals tut.)

keine ahnung hatte ich, damals, daß ich darin nicht die einzige war. wir alle, vermutlich, waren darin gefangen. die einen schrien vor angst, die anderen schwiegen.

was bleibt sind die dinge. die schärfe von metallspänen. holz und sein geruch. wie es klingt, wenn man das stecheisen ansetzt oder die axt. wie es pfeift und singt, wenn es schreit.

der erste mensch

vierzehn oder fünfzehn war ich, als sich mir zum ersten mal ein mensch zuwandte und mit mir sprach. alles zuvor war familie oder pflicht. ich hatte die eine oder andere figur in dem spiel als mensch erkannt, doch ich selbst kam als mensch nicht in frage. der weg schien mir zu weit, zu gefährlich auch. ich wollte mir nichts anmaßen, mich nicht erheben über den sumpf.

so verkrochen führte ich ein seltsames leben. nach außen war alles glatt, es gab arbeit, es gab essen, es gab schule. familie und pflicht eben. es gab auch urlaub, meistens irgendwo in bayern. am chiemsee zum beispiel. urlaub war eine lästige pflicht, zu viel familie. zu wenig schule. schule war mir flucht und rettung, aber nicht wirklich. schule war eine illusion, in der ich in wahrheit nur wenig raum fand. doch es war immerhin nicht familie.

in solcher bedrängnis tauchte der erste mensch auf, ein fremder mensch. es war eine frau, die in derselben pension untergekommen war. sie machte keinen urlaub, sie machte pause. ihr auto war voll mit ware, die sie unterwges verkaufte. oder vorstellte. oder was auch immer, ich verstand es nicht genau. die frau war unverschämt, setzte sich zum frühstück an unseren tisch. sie wechselte regelrecht, nahm ihr gedeck und kam zu uns herüber. das hatte noch niemand gewagt.

meine eltern hatten keine freunde, sie hatten nur sich. und ihren krieg. und mich. zuletzt meinen bruder. nie kam jemand zu uns zu besuch, keine nachbarn, keine kollegen, niemand. nur großeltern und andere verwandtschaft, vermutlich ließ sich das nicht vermeiden.

die frau schien das nicht zu wissen. sie saß an unserem tisch, schnitt sich knoblauch aufs brot und redete. daß man mit der geburt auch den tod eingekauft habe, sagte sie zum beispiel. einfach so. viel mehr erinnere ich nicht. doch ich verstand, was sie sagte. alles. das weiß ich noch. ich wollte antworten, wollte auch reden. mitreden, vielleicht zum ersten mal. es schien mir etwas wert, aber ich traute mich nicht.

ich saß in unserem pensionskinderzimmer und spielte mein akkordeonrepertoire durch. mein bruder lernte radfahren in diesem jahr. ich lief aus dem haus, aus dem dorf und über die felder. allein. am nächsten tag saß die frau wieder bei uns, und ich sah zu, wie meine mutter kämpfte. es war lächerlich. mein vater nickte. dann saß ich wieder und spielte. du bist das, sagte die frau, als sie mich anschließend aus dem zimmer kommen sah. ich lief los, allein über die felder. die ganze zeit redete und redete ich vor mich hin.

am letzten tag fragte die frau mich, ob ich mit ihr spazieren gehen wolle. ich wollte, ich hatte davon geträumt, beinah darauf gewartet. doch ich hatte es nicht für möglich gehalten, nicht im leben. nicht für mich. ich sagte nein vor schreck, obwohl ich doch vorbereitet war. vielleicht sagte ich auch gar nichts, schüttelte nur den kopf. vielleicht lief ich weg. es war die schrecklichste zeit meines lebens. von tag zu tag kroch ich, immer mein eigenes spiel im kopf, in jeder sekunde. der gedanke, wie ich das alles zu einem ende bringen könnte, notfalls. die kraft reichte kaum für die ständige last. kein mensch zu sein und am ende meiner kräfte, darüber hätte ich nicht reden können. das hätte ich auch nicht verraten wollen.

die frau war klug und drängte mich nicht. am nächsten tag fuhr sie los.

ihr auto hatte ein berliner kennzeichen, glaube ich. ich versuchte, es mir zu merken. es war das einzig noch greifbare. ich wollte besser vorbereitet sein, beim nächsten mal. das es nicht geben würde, das wußte ich natürlich. doch ich wollte vorbereitet sein.

bis heute denke ich, daß es vielleicht meinetwegen war. daß die frau deshalb zu uns an den tisch gekommen ist. natürlich weiß ich nicht, was für ein spiel das insgesamt war. was sie mit meinen eltern, meinem bruder sonst noch so hatte. ohne mich. was sie gehört hat oder erkannt haben könnte. da gibt es viel. die vorstellung, daß niemand jemals einblick in unsere familie haben könnte, weil wir so verschwiegen, so verkapselt waren, so äußerlich glatt und rund und unauffällig, hat mich noch lange begleitet. ein trugschluß, der mir bis heute einleuchtet, obwohl er in diesem sommer den ersten riß bekam. eine erste hoffnung.

ich denke gern, daß diese frau speziell mir zeigen wollte, wie menschen miteinander sind. daß sie miteinander sind. wie sie reden und denken können. wie sie leben. miteinander.

denn das hat sie.

in time

urlaub. ich habe urlaub. ich bin sogar in urlaub, denke ich seit heute. ich bin allein, ich will schreiben, doch was ich mache ist urlaub. urlaub scheint nötig. durch bin ich bis auf die letzten feinen fasern.

so etwas sollte ich nicht mehr machen, nahtlos zu arbeiten und zu arbeiten, ohne pause, ohne wochenenden. und das auch noch in wenigstens zwei berufen, in drei bis vier sich zum teil gänzlich unterscheidenden arbeitsbereichen. vom schreiben ganz zu schweigen, das kommt da noch gar nicht vor.

das schwebt nur und quält, sich und mich. verliert sich wieder, verschwindet ins mir unerreichbare. so auch jetzt. ich mache urlaub, mache pause statt dessen. oder genau deswegen!

ich schweige viel, eigentlich dauernd. ich denke nur. ich spüre das tempo der letzten monate im körper, fast ein jahr, ach was: über ein jahr. die ständige hetze, die deadlines und erledigungen, das stapeln und schichten von terminen. und immer fehlt etwas, nie ist es genug. die beständigkeit des versagens in all dem, überall lauert ein scheitern nach dem anderen. (gestern kam ein artikel mit korrekturen zurück, das erste mal in über drei jahren. das gab es noch nie.)

keine zeit zu träumen, nicht einmal ausreichend schlaf. das sitzt mir im nacken, das reißt an mir, schüttelt mich durch. das schleudert mich herum, wie eine katze ihre beute. das ist die panik, die in meinen schritten lebt, die sich kaum zügeln lassen. auch hier nicht, wo ich nirgends hin will, nirgendwo hin muß. noch nicht.

nur sein. nur suchen und finden, sehen und sagen. das dazwischen.

oder anders: die szene in „in weiter ferne, so nah!“, in der willem dafoe als emit flesti das große rad anhält. und es dann wieder in schwung bringt. ganz langsam, ganz leicht. ganz und gar schwer.

zutrauen

kiefern sind feine, helle wesen, die in der nacht nichts als stille versenden. wenn sie nah sind zumindest, zum greifen fast. was sind schon drei meter? für einen baum.

kiefern sind bäume, die sich trauen.

reisen soll man

ich bin eine schlechte reisende. das sage ich nicht nur so, das ist ohne ausnahme. jedesmal, genau so. und es ändert auch nichts, daß die angst nicht gesehen wird. von niemandem, niemals. du kannst doch alles, sagt man mir gerne. du bist stark, soll das wohl heißen. vielleicht auch: du bist cool. du bist sicher. du bist echt.

echt bin ich aber nur mit angst. wenn ich das schwere motorrad ungewöhnlich schwer beladen durch unbekannte gegenden fahre. navigesteuert, auch das noch, seit kurzem. nicht weit, keine 100 kilometer, aber mit regen und wind, ein kleiner sommersturm, wie so viele in diesem jahr. wie ich mit den händen gegenzuhalten versuche, gegen die angst. und gegen die maschine, ihr gewicht, das ich offensichtlich irgendwie mit dem nacken ausbalancieren möchte. wobei ich völlig sinnfrei die zähne zusammenbeiße.

so ist das. das alles kann ich. und es ist peinlich. bis es irgendwann nur noch lächerlich ist. also bis ich lache.

zum beispiel, wenn meine reise letztendlich in einer straße endet, die mit rollsplitt nicht nur bestreut, sondern nahezu ausgegossen ist. über die ganze länge, und die zielhausnummer liegt natürlich exakt in der mitte. das dann mit der schweren, ungewohnt schwer beladenen maschine, mit der ich mich in den letzten stunden nicht besonders befreunden konnte. lachend.

ich bin echt cool.

im tango trennt glück und scheitern kaum eine haaresbreite. heute nacht war es der lärm. menschenlärm.

medea

einen augenblick lang war die erkenntnis eine erlösung, damals. als ich verstand, daß ich gar nicht gemeint war. daß ich gar nicht bin, niemals war und auch nicht sein muß, was mir so lange so massiv entgegengehalten wurde.

einen augenblick.

dann die gewissheit, daß es schlimmer wurde. in aller klarheit: es hätte auch jemand anders, ein hund, ein huhn oder ein stück holz, sein können. all die verachtung, die demütigungen und die anschuldigungen. das geschrei und die schläge, enge, angst und wut. all das, was mich um ein haar vollkommen ausgelöscht hätte. alles nur zufall, ein versehen, eine notdurft, für die ich einfach gebraucht wurde.

manche sagen missbrauch, ich nicht.

fazit: es hätte ein stein geboren werden können, statt meiner. statt fleisch und blut und geist und seele.

das ist hart, härter geht nicht.

und ich bin es dennoch nicht.

ich weiß.

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