die liebe endet nicht, wenn die illusionen zerplatzen, eine nach der anderen. die liebe endet nicht im augenblick der klarheit. im gegenteil. dann ist endlich alles wieder gut.
vielleicht.
das weißt du doch gar nicht, sagt mir die freundin, die ich nachts vom krankenhaus aus anrufe. stotternd und wirr, auf der suche nach einer ausrede, um mich doch noch irgendwie so schnell wie möglich aus dem staub machen zu können. keine brille mit, nur kontaktlinsen in den augen. kein buch, keine zahnbürste, keine kraft. was weiß ich? doch alles das hilft nichts.
mein vater, sonst ist niemand da. kaum eine stunde noch bis zu seinem tod. nur mein kleiner bruder, ebenso ratlos wie ich. es geht nicht anders, ich muß bleiben. doch das ist ein zufall.
wie mein vater gelebt hat, das erzähle ich noch am telefon, was für ein elend. und jetzt soll es vorbei sein, ohne jemals besser geworden zu sein.
das weißt du doch gar nicht, sagt die freundin. das ist der satz, das ist der moment. von da an geht es. und es brauchte nur noch wenig bis zu seinem sterben.
und damit lebe ich jetzt, seit 20 jahren. mit diesem satz. mit der gewissheit, über menschen im grunde nichts zu wissen. nicht einmal über mich. das sage ich mir, immer und immer wieder. daß vielleicht alles ganz anders ist, als ich es mir ausdenke.
schlecht ist das nicht.
ebenfalls weiß ich natürlich nicht, ob die große freude, die ich ganz zuletzt im gesicht meines vaters gesehen habe, wirklich eine große freude war. oder nicht etwa doch nur der letzte feuersturm im hirn.
ich weiß es einfach nicht.
(zwischen zwei und drei stunden noch, ab jetzt. wenn ich mich recht erinnere.)

die ernte hat begonnen, und sie ist mächtig. vielleicht sind es (noch) nicht so viele, wie ich zunächst erwartet hatte. dafür sind sie aber vergleichsweise riesig, die süßen dinger. auch der rest der balkonbepflanzung wächst wild ineinander. so also ist der sommer im jahr mit der nummer 13. alles geht von allein. im grunde geht es von allein, auch ohne mich. durchaus.
im warten auf den tod geht der alltag unter. im hoffen auch. ich fahre ins büro und nach düsseldorf, immer im wechsel. ich schlafe kaum. das wird so bleiben für die nächsten monate, lange nachdem der tod sich längst eingestellt hat.
ich bin leicht, im großen und ganzen. ich bin da. nichts ist mehr wie immer.
so war es vor 20 jahren.
drei stunden durch die stadt laufen, um die innere raserei zu beruhigen, und fünf stunden tango tanzen gestern haben ihrem preis. blasen unter den fußsohlen, vorn an den zehen, eigentlich überall. laufen geht gerade kaum noch.
aber tanzen ist gut. tango macht glücklich, auch in augenblicken, die hoffnungslos sind. vielleicht gerade dann. kurz aus der starre in die bewegung gehen, für ein paar minuten nur, ahnungslos sein. und wieder zurück, weil es anders (womöglich) nicht geht. das ist überraschend schön. und es hilft.
daß ich außerdem nachts aufwache, weil ich mir mit aller kraft von innen in die wangen beiße und das kaum wieder lassen kann. auch nicht bewußt, nicht mit aller anstrengung. loslassen. auch das gehört dazu. dann der geschmack von blut. nein, das wundert mich nicht.
heute vor 20 jahren völlig überraschend eine hürde genommen. stirn an stirn mit meinem vater. aus versehen eigentlich, familiäre barrikaden eingerissen, wie im sturm. und zugleich wie von allein. niemand hat es gesehen, auch worte gab es keine. mein vater sprach nicht mehr, ein schlaganfall lag zwischen seinem geburtstag und dem tag danach. dem tag, an dem ich dort war. allein. oder nein, natürlich nicht. da waren viele. selbstverständlich waren da viele. menschen, die ich alle kaum beachtet habe.
kein wort mehr möglich. und womöglich hätte es auch nichts zu reden gegeben. damals.
heute dagegen wäre das womöglich anders.