nach einer drei-tage-arbeitswoche, montag bis mittwoch, bleiben mir jeweils vier tage schreibzeit. so zumindest war es in den letzten wochen, fast durchgehend. immer freue ich mich auf diese zeit. und immer denke ich nach dem ersten tag, dass ich sie vertue. so wenig schreibe ich tatsächlich. am zweiten tag ist es kaum anders. erst am dritten sehe ich, dass etwas passiert. obwohl ich kaum schreibe, also irgendwie nichts zu tun scheine. das stimmt aber nicht. ich lebe und denke und schiebe, vieles passiert einfach nur in meinem kopf.
so auch in diesen vier tagen. viel ist geschehen, neu sortiert und durchdacht. aber nur zwei oder drei seiten sind neu. und fertig ist nichts davon. nicht so richtig.
manchmal muss text hängen, unfertig und abstrakt. damit er sich ausrichtet, seinen ballast von allein verliert. den muss ich dann nur noch abstreifen. nächste woche oder so. übernächste, spätestens.
dann bin ich durch. bis auf ein paar kleinigkeiten.
zweiter versuch in sachen lesung, ich bin und bleibe ja mutig. diesmal alles okay mit den menschen, dafür habe ich höllisch gefroren, weil überall alle türen und fenster weit offen standen. was irgendwie zu erwarten war, ich weiß. aber am wannsee draußen ist es halt schon auch noch ein bisschen kälter zur nacht als hier im kuscheligen neukölln.
zum glück ist mir auf der hälfte der rückfahrt eingefallen, dass ich ja seit letztem jahr heizgriffe am motorrad habe. deren einsatz war zwar mehr eine psychologische unterstützung als wirklich vonnöten. aber so bin ich dann doch noch zu einer schönen nachtfahrt gekommen. einmal zurück vom lcb, das hat schon irgendwie gefehlt in diesem jahr. check!
durchweg gelungene texte übrigens, ganz besonders erzählerisch, nahezu alles, manches sogar ziemlich ausgezeichnet. auch dafür, ein lohnenswertes frieren. war mir eine freude.
ob es mehr davon geben kann in den nächsten monaten? ich weiß es nicht, das frieren war definitiv ungewohnt. und anstrengend. das kann ich nicht immer. aber vermutlich liegen die probleme ohnehin anderswo, ganz bald schon. meine ohnehin schon kleine welt wird wieder in die menschenleere schrumpfen. das ist bereits absehbar.
ich bin nicht einverstanden. das ist nicht gefragt, ich weiß. ich sage es dennoch. ich bin nicht einverstanden. das übersteigt womöglich meine kräfte. aber wer weiß?
nach dem abendessen dann doch noch an die schreibarbeit. so ist das manchmal, in letzter zeit eigentlich immer. wenn der tag fast vorbei ist, dann geht es doch noch los. keine ahnung, ob das die angst vor dem text ist. aber angst ist da. besonders vor diesem letzten kapitel, das nicht in ein paar stunden fertig sein wird. sein kann. ich muss es zerstäuben, die struktur aufbrechen auch. und dann sehen, was passiert.
die balkontür steht weit offen, draußen ist noch einmal eine sommernacht. eine robuste, aber egal. es ist immer noch sommer. neulich habe ich die pflanzen zusammengeschnitten, alles war schlapp oder welk geworden. das musste weg. dabei habe ich gesehen, dass die seltsam krumm gewachsene tomatenpflanze, die wenig ertrag gebracht hat, an zwei stelle angefangen hat, kerzengerade ein paar zentimeter nach oben zu wachsen und dort blüten anzusetzen. und auch die im grunde vertrocknete mimose setzt an den einzigen, noch ganz lebendigen trieb eine blüte an. glaube ich. schon seit tagen beobachte ich das. jetzt bin ich fast sicher.
in mir entfaltet sich das kind, das ich war. seit die kiste der vergangenheit wieder offen ist. es antwortet, ohne dass ich eine frage gestellt hätte. es fragt nicht, es ist da. jenseits der vielen geschichten, die ich immer und immer wieder erzählt habe, liegt die zeit ohne worte, ohne erinnerung. eine zeit, in die ich nicht reichen kann. von der ich nicht reden kann, weil ich nichts davon weiß. was von da kommt, ist erleben.
heute war es schrecklich.
aber alles wird klarer, konzentrierter, dieser tage. also ist es gut.
unglaublich schlecht geschlafen, aufgewacht mit schmerzen im nacken und am unteren rücken. da hlft nichts, nur aufstehen. früh aufstehen, auch am sonntag.
beim frühstück rumpelt es vor dem balkon. unglaublich, wie viele unfälle es schon an dieser kleinen kreuzung gegeben hat, seit ich hier wohne. blöd ist das immer, wenn zweiradfahrer*innen involviert sind. diesmal sind es aber zwei autos, sieht von oben nach einem simplen rechts-vor-links-konflikt aus. nur blechschaden zum glück. oder vielmehr plastikschaden, so sollte, müsste man heute ja langsam mal sagen. plastik und glas.
dann lese ich, sitze mit einem buch in der hand auf dem balkon. das buch macht mich traurig, auch weil es um trauer geht. jemand ist gestorben, freiwillig auch noch. und jemand anders ist übriggeblieben. noch trauriger macht mich aber, dass die übriggebliebene sich irgendwann einen körper in die nacht wünscht. mit haut und wärme, mit sex vielleicht, vielleicht auch nicht. vielleicht nur nähe. das buch ist vor einer weile geschrieben worden. logisch. jetzt irritiert es mich. was war das für eine zeit, in der man sich nähe wünschen konnte, bedenkenlos, einfach so?
ich höre aus zu lesen. als die sonne sich hinter die mauerecke verzieht, verziehe ich mich an dne schreibtisch und erledige ein bisschen was, schreibe ein paar emails. ein tag mal so ganz ohne arbeit, das kann ich wohl einfach nicht.
lange hält es mich aber nicht, dann muss ich raus, muss laufen. nein, nicht laufen, mehr so rumlaufen, zu fuß gehen. es ist warm, es ist schön. ich bin allein, ich bin traurig. so wie gestern oder die tage davor, beim rumlaufen.
eine app zählt mich, ich gehe fast fünf kilometer in etwas über einer stunde. dabei schlendere ich fast, durch den körnerpark und die beiden anderen, gleich daneben. das hab ich alles noch nie so gesehen.
wieder zuhause mache ich ein wenig sauber, am mittwoch kommt der tango zu mir. ich sauge und sortiere, das tut gut. anschließend verliert sich der tag. ich weiß auch nicht. ich will schlafen, tue es aber nicht. ich kann nicht mehr.
dabei habe ich den text tatsächlich den ganzen tag nicht einmal geöffnet. es arbeitet dennoch, denke ich. ich bin so müde.
sehr neben mir, weit ab. nur der text findet mich noch, trifft mich, wird. der rest ist erschöpfung und zunehmend auch schmerz. schreiben ist körperlich, am ende geht es ans letzte.
ich verlerne es tatsächlich, das mit den menschen. heute bei einer lesung gewesen, irgendwie die erste veranstaltung seit februar. für mich. das war auch eine lesung, und das war toll. wenn auch schwierig, es ist immer schwierig mit menschen.
heute war es ein elend. als einzelperson allein auf einen platz ganz hinten, hinter eine säule gewiesen worden. so ist das ja jetzt, man bekommt einen platz zugewiesen. ganz am arsch, sage ich. tatsächlich. das war nicht nett. ich habe mich nicht im griff. ich entschuldige mich auch nicht, es ist mir zuviel, alles. dass ich allein sitze, wie alles an mir allein ist seit mitte märz. viel mehr plätze gibt es für zwei, bessere plätze. aber ich bin allein, ich liebe nicht, ich tanze nicht, und meine katze ist auch tot. schon lange.
niemand ist, wo ich bin. außerdem ist es ja womöglich die letzte veranstaltung, in diesem jahr oder im nächsten, oder was-weiß-ich. ich will einfach nur da sein, nicht auffallen und still nach innen weinen. oder hoffen vielleicht, obwohl ich alle hoffnung langsam aufgegeben habe. ich will nur noch schreiben. und hören, was andere schreiben. manchmal. mehr will ich doch nicht.
dann kommt der platzzuweiser zu mir, informiert mich, dass vorn jetzt doch noch ein einzelplatz wäre. eigentlich will ich gar nicht. ich hab es ja nur vergessen, dass ich irgendwo nach hinten gehöre. dahin, wo man nicht gesehen werde. dass ich von allein genau dort hingegangen wäre. ich gehe dann aber doch. ich muss meinen helm beiseite räumen und die schwere jacke, damit ich das nicht alles mit mir schleppe. auch dazu werde ich angewiesen. dann lande direkt vor der kleinen bühne. ein guter platz, aber den hätte ich mir selbst nie ausgesucht, wenn ich ehrlich bin. da bin ich viel zu sichtbar.
hinter mir sitzt die inhaberin meiner agentur. (nicht meine agentin.) ich drehe mich ein paarmal um, sie erkennt mich nicht. was kein wunder ist, wir sind uns nur zweimal kurz begegnet. einen moment lang denke ich über höflichkeit nach, statt der lesung zu folgen. soll ich auf mich hinweisen, später? mich vorstellen? oder ist es höflicher, es einfach dabei zu belassen? ich weiß es nicht. mir ist unbehaglich, und ich weiß nicht, warum.
am ende der verstaltung erzählt mir der platzzuweiser dann etwas von meinem „großen auftritt“, und ich bin sofort erschrocken. meine schuhe haben wohl derart auf dem boden gequietscht, dass ich mächtig gestört habe bei meinem platzwechsel mitten im programm. das ich als trampeltier, und ich habe es nicht gemerkt. ich hab es ja noch nicht einmal gewollt. das ist genau, was ich mir wünsche im leben. jetzt.
ich verlerne alles, was ich mühselig gelernt habe, in vierzig, fünfzig jahren. nach knapp sechs monaten nur kann ich innen und außen nicht mehr auseinanderhalten, verliere die gewalt über meine präsenz und beleidige menschen mit meiner verwirrung. ich verliere das kleine bisschen sicherheit, das ich mir in jahrzehnten erobert habe. vor allem verlerne ich, dem zu folgen, was ich weiß und will. wenn menschen da sind. ich degeneriere zu einem kind, offensichtlich, das vor angst alles falsch macht.
jetzt ich denke nach über einsiedelei. nicht das erste mal in den letzten monaten. alles aufgeben, was ich besitze. ein einzelnes zimmer mieten, irgendwo, nur mit netz für die arbeit. mehr nicht. keine menschen mehr sehen, all das austrocknen lassen in mir. ehe es mir völlig entgleist. die sehnsucht langsam verhungern lassen. es hilft ja nichts.
aber was mache ich dann mit dem buch, das schon so weit, so gut wie fertig ist? beenden und dann vernichten? wie ein mandala?
oder will es leben? und ich habe nicht das recht, es zu töten. aber kann es leben, ohne mich?
das alles ist ein wenig theatralisch, ich weiß. ich will das auch nicht, leben ohne menschen. ohne schreiben. und ich will bei meinem schreiben bleiben, mit meinem gesicht, meinem leben.
aber ich weiß nicht, ob es nicht einfach nicht sein soll. so wie ich will. und ich mich nicht einfach nur einverstanden erklären muss. endlich. denn eigentlich war es doch nie anders.
kein mensch will mich. (hat schon meine mutter immer gesagt: glaubst du, dich will wer?) ich bin allein.
(jammermodus: aus. morgen wieder in den text. der wird so gut, den überlebt dieses ich sowieso nicht.)
ich tue, was ich kann. alles ist aufgerissen. der text frisst an meinem leben, ich habe das erlaubt. es muss. ich schreibe nicht über mich, aber ich schreibe von mir. auch.
so ist das.
mein hirn kommt an seine grenzen. vierhunderziebzig seiten, alle im kopf. ich finde nicht mehr alles, was ich suche. ich vergesse, welche kleinigkeiten ich erledigt habe. das ist nicht so wichtig, aber störend. das größere immerhin, das habe ich noch im blick, im kopf und im gemüt.
geht schon.
das umschalten auf die arbeit fällt schwer. auch das umschalten auf menschen. das umschalten auf die welt sowieso. trump first, oder wie heißt das? das ist etwas, das ich einfach nicht packe. es packt mich an, aber: macht doch euren dreck allein! (macht ihn weg!)