am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

die lage, ungeklärt

eine jahreszwischenbilanz 2019 fällt derzeit mäßig aus. ich könnte es natürlich lassen. ich könnte abwarten, schließlich weiß niemand, wohin sich dieses jahr noch entwickeln mag. am ende sieht am ende alles anders aus. wer weiß? aber ich kann es auch aussprechen, weil es eben so ist, wie es ist.

dieses jahr hat mich in vier monaten erst durchgeschüttelt, dann von oben bis unten aufgerissen. es hält mich nachhaltig gefangen in krankheit und schmerz. es verstört mich mit radikaler veränderung, gepaart mit grundsolider schreibarbeit in aller gebotenen geduld. dazu die verlassenheit, nicht nur die aktuelle. die angst, die leere, die wut. alles das.

dazwischen mein herz, schlag auf schlag. ein einsamer reiter, auf ewig unterwegs.

heute lebe ich mit dem ständigen impuls, mich mit dem inneren desaster an die seit jahren vertraute person zu wenden. zu klärung der lage, zu erleichterung auch. bis mir einfällt, dass diese person nicht mehr vertraut ist, und überhaupt in das desaster tief verstrickt. das dann wiederholungsschleife, heute muss ich damit leben.

und morgen vielleicht, und so weiter.

das jahr ist noch lang. dem bin ich möglicherweise nicht gewachsen. denke ich.

alles ist arbeit

fremde rhythmen bilden sich heraus. nach vier, höchstens fünf stunden schlaf mit einigermaßen erträglichen schmerzen, vermutlich aufgrund der kurzen liegezeit, gegen sieben aufgestanden. sofort ohne schmerzen, nur ein wenig steif vielleicht. also gar nicht mal so schlecht, mit freiem kopf fürs erste, und auch sonst weitaus stabiler als in den letzten tagen. dann erstmal ins wasser, ganz neue sitten hier: baden am morgen, mit milchkaffee am wannenrand.

anschließend gleich an die arbeit, was sonst. etwas anderes steht mir hier nicht mehr zur verfügung. und ich finde es ziemlich in ordnung, fürs erste zumindest. ganz bei mir in meinem rhythmen, meiner verzweiflung, meiner idiotie. das gehört einfach dazu, das weiß man vorher. meine liebeszeit ist schreibzeit geworden, einfach so. es gibt schlimmeres, wutzeit oder angstzeit. depressionszeit womöglich, umzug ins tote land. kenne ich alles, und wer weiß. sicher kommt da noch was. bald schon.

heute aber: nur vierzehn stunden arbeit, mehr nicht. romanschreiben, dann broterwerbsübersetzen, dann wieder am roman schreiben. das neue kapitel anfangen, einfach mal anfangen. da bringt mich derzeit offensichtlich tatsächlich so leicht nichts raus. nicht mehr.

ein tag der arbeit, unterbrochen nur von einem lange spontantelefonat mit meiner ältesten freundin. neunzehn war ich, als ich sie das erste mal traf. und sie unglaubliche achtundzwanzig! gesehen habe ich sie fast zwanzig jahre nicht mehr. damals war in der nachbarschaft gerade ein kind geboren, das heute, nach bestandenem abi, erstmal auf weltreise ist. durchaus denkbar, dass ich die freundin nie wiedersehen werde, auge in auge. die entfernung ist mittlerweile groß, und ich habe nicht vor, dorthin zurückzukehren.

das macht nichts, wir sind einander verbunden.
sie ist zuständig. und ich rufe an.
ganz einfach.

planänderung

überraschung. auf einmal ist das wochenende, das rappelvoll mit menschen und maschinen hätte sein sollen, komplett leer. menschenleer auch. eigentlich war ich eingeplant, um bei der exfrau, die auf der VELOberlin ein rennen organisiert, zu fotografieren. und morgen hätten wir e-bikes zusammen testen wollen, für mich. sogar ein podcast war ursprünglich geplant, wochenlang war ich aufgeregt deswegen.

es wurde nicht explizit erwähnt, aber gestern nacht habe ich natürlich etliche wochenenden aus meinem kalender gelöscht und mich bei menschen abgemeldet, die ich an dem einen oder anderen getroffen hätte. ab jetzt wird vieles menschenleer sein, aber das ist nur gut. so war ich von anfang an. und so hätte ich bleiben sollen.

ach, es ist nicht so, dass ich das nicht immer schon gewusst hätte. aber ich bin mutig, ebenfalls immer und immer wieder. ich verstehe menschen, ich mag sie sogar. die meisten. und dann denke ich eben, dass es womöglich doch irgendwann ein gegenseitiges verständnis geben kann.

was nicht geschieht, niemals.

jetzt also ist auf einmal alles leer. viel platz und viel zeit. das buch wird wohl schneller fertig, als ich dachte. und es wird anders werden, das kann ich nicht verhindern. das will ich auch nicht verhindern. alles anders.

hoffnungslos schön


zwei tage, etwas über 48 stunden ist es her. da stand ich an dieser stelle und dachte: genau! das ist es! exakt da will ich meine feier machen anfang juni, also meinen geburtstag nachfeiern, vor allem aber den vertrag, den ich am 1. april unterschrieben habe. das hat mich überrascht, obwohl die idee so neu auch wieder nicht ist. schon vor einem jahr hatte ich darüber nachgedacht, ob das nicht ein guter tangoort sein könnte. das dann aber wieder verworfen, vor allem aufgrund des doch recht unebenen untergrunds.

ja, das wäre schön. dachte ich.

noch im selben moment fast dachte ich auch, dass sicher sowieso kaum jemand käme. der sommer ist eine schlechte zeit für solcherlei versammlungen, da sind die meisten irgendwo anders unterwegs. auch dass das viel zu viel und viel zu groß und überhaupt sowieso nicht zu bewältigen ist. dass ich das nicht organisiert bekomme, keine zeit, keine kraft. und das ist durchaus realistisch. dass das aus solchen gründen eben einfach nicht geht.

einen kleinen augenblick lang hatte ich eine dünne hoffnung, dass regine mir vielleicht helfen, dass ich sie würde fragen können. das schien mir tatsächlich möglich, dass ich mich das einfach mal trauen würde. immerhin hatte sie sich fast schon sowas wie angeboten. ich war kurz davor.

allein der versuch hat sich soeben erledigt, zerschlagen noch bevor ich überhaupt anfangen konnte, ob dieses gewagten unterfangens aufgeregt zu sein. sudden death! singled out! damit hatte ich nicht gerechnet, nicht gerade jetzt. und nicht so.

es wird also gar keine feier geben, nicht dort und überhaupt. es gibt nichts zu feiern. nicht mich und auch nicht die dinge, die mich so ungemein freuen, dass ich sie mit andern hätte bejubeln wollen. es geht eben einfach nicht. ich wusste es schon vor etwas mehr als 48 stunden. ich wusste nur nicht so richtig, warum.

maschine läuft

die große stadt hat sich gemacht über ostern und kommt frühlingshaft getupft daher. überall frische blätter, helles grünes licht. überall auch menschen, leicht bekleidet. und leicht reizbar. was mir beim abholen des neuen personalausweises (mit online-funktion, was immer das sein mag) unvermittelt in form der hauseigenen bürgeramtstürsteherei entgegentrat. schwarzgekleidete typen in cargohosen, kurzangebunden, aber mit stetig weisendem zeigefinger. dazu das ebenso hauseigene geschubse, gedrängel und gekeife. die berliner maschine halt.

ich halte nicht dagegen, ich schrecke auch nicht zurück oder ertrage es einfach nur stoisch. das alles sind möglichkeiten, gangbare wege, die ich in der vergangenheit schon beschritten habe. vielfach sogar. irgendetwas muss man ja, tun oder nicht tun, aber sein eben. ich bleibe freundlich, ich gehe meinen weg. und so ich bin in so gut wie keiner zeit durch durch den akt. und zeitig bei meinem nächsten termin, einer freundlich zurückhaltenden osteopathin, die mir mächtig wehtut, obwohl sie kaum etwas tut. beeindruckend.

überhaupt: irgendetwas in der kleinen stadt hat mich aufhören lassen, immerzu drei oder vier dinge auf einmal tun zu wollen. so sehr, dass dazwischen sogar leere entstand. wie aus versehen. zeit zu denken, zeit zu lesen, zeit zu laufen. oder einfach nur zu liegen. zeit für nichts. leere zeit, was für ein vergehen!

und irgendetwas in mir weigert sich aktuell, damit wieder anzufangen, alles gleichzeitig zu erledigen. nichts liegenlassen zu können, das am rand liegt und wartet. immer schon im vorbeigehen schnell mal mit was anfangen und dann gleich wieder fallenlassen und zum nächsten haufen laufen. gruselig im grunde.

wobei ich nicht den eindruck habe, heute etwa nichts geschafft zu haben. oder auch nur weniger als sonst, im gegenteil. sogar ein stündchen mittagschlaf war dabei. ich habe nur einfach nicht an die übersetzungsarbeit gedacht, die für morgen ansteht. dringend ansteht, aber naja. übersetzen und ein bißchen was drumherum organisieren, nur eben nicht heute. heute waren tomaten angesagt.

dennoch komme ich mir wie traumatisiert vor. traumatisch verlangsamt, nahzu phlegmatisch. was mir von grund auf wesensfremd wäre.

ein schöner tag

das wetter hat sich beruhigt. am abreisetag zeigt sich die kleine stadt von ihrer süßen seite. blauer himmel, sonnenschein, vogelzwitschern. der rest ist stille und menschenleere, was vermutlich irgendwie zusammenhängt. das pfeifen ferner flugzeuge zeugt von deren ferne, es kommt und geht. so ist das hier.

um mich herum ist alles so gut wie gepackt, das ambiente weitgehend zurückgebaut in seinen präsentationsmodus. in zwei stunden kommt die reinigungskraft, aber die vermieterin hat mir erlaubt, meine gepackten sachen einfach noch hier stehenzulassen und mir einen „schönen tag“ zu machen. heute kommt kein neuer gast mehr, erst morgen. auch die wohnung hat also erstmal pause, das sei ihr gegönnt.

ich frage mich, was genau das ist, ein schöner tag. rumlaufen, fotos machen und eisessen? das wäre das erste, was mir dazu einfällt. dann noch eine weile in einem café sitzen und nichts tun. zumindest nichts tun müssen, nicht einmal lesen oder schreiben. nur schauen.

der berliner maschine noch ein paar stunden den rücken zudrehen. wobei mir das bereits gleich wieder anstrengend erscheint.

berliner maschine. das hätte ich auch nie gedacht, dass ich meine stadt irgendwann einmal so nennen und so empfinden würde. vor jetzt fast fünfzehn jahren, als ich hergezogen bin. als ich genau das wollte, eine große maschine, die für nichts gut ist. da mitten hinein.

das ist lange her, und es wird eine lösung geben müssen in absehbarer zeit. die wirklich tolle und günstige wohnung in berlin aufzugeben, scheint mir unsinn. bleibt nur die variante eines winzigen zweitwohnsitzes, einer permanenten schreibhöhle quasi, irgendwo am wasser. ein schreibtisch mit bett, für viele schöne tage.

ist das nur vermessen? oder ist das schon utopie. darf ich das, überhaupt auch nur denken? von mehr will ich ja erstmal gar nicht reden.

twin peaks am see


ich neige ja dazu, fotos immer aus der position zu machen, in der ich mich gerade befinde. für das foto ist das natürlich nicht immer die beste position, das ist mir schon klar. dennoch bleibe ich dabei, einstweilen, nicht nur der einfachheit wegen. es soll doch zeigen, was ich sehe.

und zumindest hier ist es supereinfach, da kann ich eigentlich gar nichts falsch machen.

da wollte ich meiner neuerlichen verwunderung über die hiesige stille dadurch ausdruck verleihen, dass ich hier von dem rechen schreibe, der am ostersamstag das einzige war, das zu hören gewesen ist. ein rechen, der sicher dreißig meter von meinem fenster entfernt von meiner netten nachbarin gleichmäßig über den boden bewegt wurde. und wie sehr ich in diesem umfeld darauf achte, dass weder meine musik, noch ich selbst irgendwie unzulässigen lärm verursachen. womit ich mich unweigerlich als berliner großmaul etablieren würde, was ich natürlich nach kräften zu vermeiden versuche.

und dann wecken mich heute morgen sieben oder acht kräftige stöße aus einem laubbläser, der offensichtlich auch hier irgendwo wohnt. in diesem friedlichen hinterhof. ich bin nachhaltig entsetzt.

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