das ist jetzt eher selten, weil es eine kritik enthält. und ich bin keine kritiker*in, wenn es um literatur geht. ich bin und bleibe betrachter*in. aber es geht nicht um den text, der ist weitgehend großartig. es geht um die kritik, ich muss kritik üben an der kritik.
ein bisschen gebrodelt hat es in mir schon, als ich im lendhafen saß und erst den texte hörte, dann die begeisterung der jury. ich werde das jetzt nicht breitgefächert aufdröseln, obwohl ich das könnte. doch dazu fehlt mir die zeit, die lust. mir bleiben noch zwei tage in wien, ich habe anderes vor. also nur kurz, mehr so old fashion bloglike, beim zweiten kaffee des morgens. während es von draußen kühl ins zimmer weht, wie wunderbar. nach den vergangenen höllentagen.
in der kritik an diesem text, also eigentlich in dem zu recht hohen lob desselben, war schnell, viel zu schnell ein topos felsenfestgeschrieben: das des opfers! tingler und delius waren das, wenn ich mich recht erinnere. andere sind dann halbwegs eingestiegen, aber ich schaue das jetzt nicht nach. ich bewege mich, einstweilen, weiter außerhalb einer faktenbasierten literaturwisschenschaft. (haha!)
im grunde ist es kein wunder, dass nach dem opferthema gegriffen wird, das ist naheliegend. es bietet eine gängige lösung, den text aufzuschlüsseln und auf seine stärke zu verweisen. die beweiskette, dass ein opfer nicht opfer bleibt, sondern stattdessen selber in sich böse agiert. dass das opfer sich auf die art trefflich zu wehren weiß, so in etwa der tenor. das fühlt sich sicher gut an, doch im grunde ist es eine gemeinheit.
eine solche innere härte und verachtung gegen andere wie auch das eigene negiert keinesfalls das opferdasein. es ist eine folge dessen, es ist keine wirkliche stärke, wiewohl es natürlich wirksam und damit nötig ist. tatsächlich aber ist es eine ungute folge, die nichts ändert oder öffnet. oder, wie Lena Schätte selbst im anschluss an den preisgewinn festellte: wenn wir alle netter miteinander wären … auch das ist aus dem gedächtnis geklaubt, man möge mich korrigieren. zumal ich mich nun offensichtlich doch in den bereich der kritik, zumindest aber der interpretation begebe.
doch mir ist das wichtig, ganz persönlich: opfer und täter auseinanderzuhalten, obwohl sie untrennbar zusammengehören. ist das überhaupt möglich? ich selbst denke opfer und täter oft nah beieinander. es gibt täter-opfer-umkehr, aber auch opfer-täter-umkehr ist mir vertraut. das funktioniert nicht immer, dieses denken, aber es wichtig. es ist immer beides, wenn es um dualitäten geht. es kann doch nicht anders.
meine frage gilt dem, was danach möglich ist. es muss ja.