ich komme aus einer anderen welt.
da, wo ich bislang gearbeitet habe, haben wir zusammengearbeitet. wir wußten, wo es langging, wie der zeitplan ist, wann das produkt zu stehen hat. woche für woche. wir waren informiert. alle. von der chefin bis zur putzfrau, die ebenfalls genau wußte, wann welche grundreinigung ganz sicher nicht angesagt war. wir wußten noch mehr voneinander, viel mehr. im laufe der jahre haben wir nicht nur berufliche highlights und katastrophen, umzüge und sonstige umstellungen miteinander bewältigt. wir haben hochzeiten und scheidungen erlebt, todesfälle und geburten. auch äußerst schwierige geburten; lebenspläne, die durch unvorhergesehenes gänzlich umgeworfen wurden. was heißt umgeworfen? ins bodenlose gestürzt. alles das wirkt sich auf die arbeit aus, ohne frage. aber niemand hat seinen job verloren, trotz noch so großer krisen. in dem kleinen büro hat es immer funktioniert, daß eine für die andere eingesprungen ist. wenn auch noch so unwillig, mitunter. es hat doch geklappt. und niemand mußte je mit zugezogenem reißverschluß, bis zum kinn, die gemeinsamen räumlichkeiten betreten, sich selbst verleugnen, den unverkennbaren grundzustand. (die liebe, der scheidungskrieg, kranke kinder, tote hunde, mirgäne, …) das war unnötig, wenn nicht überflüssig. im krankheitsfall war niemals der gelbe schein das wichtigste utensil. vielleicht auch nicht die anteilnahme, die es aber durchaus immer gegeben hat. wichtiger war schon die bewältigung der anstehenden arbeit unter den gegebenen umständen. aber dafür ist es eben arbeit, und kein freizeitclub. das wäre ja noch schöner.
manchmal hat die chefin für uns gekocht, mitunter sogar am wochenende. vielleicht hat sie auch nur die übriggebliebenen partyreste mitgebracht, wer weiß? in den sommerferien, wenn so gut wie nichts zu tun war, haben wir um die ecke gedacht = gemeinschaftlich zeiträtsel gelöst. vor weihnachten, der branchenbedingten hochsaison, gab es kaum zeit für eine pause. gegessen wurde während der arbeit, wer immer zehn minuten zeit hatte, versorgte alle anderen mit irgendwelchen bissen vom nächstgelegenen bäcker. der ton wurde härter in solchen zeiten, nicht nur verbal, auch die scheren flogen tief. und die nerven lagen blank. aber jede kannte jede, und alle wußten, wie die andere zu nehmen war. beleidigungen waren an der tagesordnung, entschuldigungen aber mußten selten sein. jede wußte ohnehin bescheid, und auch die neuen fanden sich meist rasch zurecht.oder sie blieben fremd und damit nicht lange.
natürlich haben solch familiär strukturierte büroverbünde auch nachteile. an die irgendwann plötzlich ausbrechende mobbingmode erinnere ich mich höchst ungern, aber die war nach ein paar wochen ausgestanden. auch die sich immer und immer wiederholenden geschichten gehen nach einigen jahren gehörig auf die nerven. wie in einer familie eben, das ist ja nichts besonderes. alles in allem aber macht es das arbeiten leichter und besser, mehr oder weniger ganz anwesend sein zu dürfen.
so war das damals. inzwischen sieht das anders aus.
das momentan regelmäßig von mir frequentierte callcenter übt sich vorwiegend in interner unkommunikation. infos werden vorzugsweise verspätet intoniert, dann, wenn man den ersten kunden schon gehörig verstottert hat. absprachen oder zusagen gar sind selten ernst zu nehmen, dafür gibt es verwunderte gesichter, wenn man nicht von einen tag auf den anderen disponieren kann. und schöne betriebsversammlungssätze wie: ’seien sie doch froh, daß es überhaupt kaffee und wasser umsonst gibt, anderswo ist das nicht so.‘ auf die frage nach milch und zucker. und: ’seien sie doch froh, daß es genug zu tun gibt, anderswo… .‘ auf die frage, wie denn die in den nächsten monaten anstehende zusätzliche arbeit vergütet werden würde.
bei all dem ist natürlich der zuletzt angestellte hiwi der clown, und damit muß ich mich nun wohl oder übel abfinden. nach ursachen wird nicht gefragt, nicht einmal nach einer objektiven einschätzung. was zählt sind die produktionszahlen, wie bei einer stanzmaschine. der ausschuß wird geduldig gesammelt und summiert. dazu die wenn-nicht-du-dann-eben-wer-anders-mentalität, zumindest aber der wettbewerbsansatz. als könnte jeder immer nur gold wollen. und dann auch noch kriegen.
aber alles das tue ich natürlich gern, dafür bin ich doch wie geschaffen. clown sein, der mit der blinkenden roten nase. oder der affe in der letzten reihe. der, der am schluß geduldig nickt, wenn etwas daneben gegangen ist. schweigend und dumm.
willkommen im leben, könnte man meinen. aber immer noch denke ich anders, ich idiotin. (hat meine mutter schon immer zu mir gesagt.) auch im früheren job war ich das letzte glied, die hiwischnepfe mit der geringsten stundenzahl und dem geringsten einkommen. (wenn auch dem vermutlich höchsten im vergleich zu den anderen hiwis, aber nur weil ich am längsten ausgehalten habe.) dennoch… aber das erwähnte ich bereits.
wirklich zusammenzuarbeiten, ohne den mittlerweile so weit verbreiteten zynismus, ist nicht nur angenehmer, sondern letztendlich immer auch produktiver. obwohl es wenig zeitgemäß erscheint, schon klar. aber das war ich schließlich auch noch nie.
engl
dreck!
ganz schlechter morgen, heute. lange vor dem wecker halbwach, schmerzwach, dieser altvertraute feste griff im nacken. wirr geträumt dazu, realitätsnah und gleichermaßen weltfremd. angst, oder so etwas ähnliches. ich will keinen tag, heute mal nicht. keine welt, keine menschen. undsoweiterundsofort. gegen sieben dann zum paracetamol gewankt. trotzdem immer noch eine ‚lahme‘ rechte seite, und das nicht nur im kopf. essen geht auch noch nicht.
dann kein internet, stundenlang, bis alles tausendmal hin und her resettet(!) ist. und auf einmal doch wieder geht.
was soll der dreck?
wer wohnt schon in…
„…Neukölln ist dagegen Düsseldorf, ein zeitgemäßer Trendbezirk mit günstiger Sozialprognose.“
vielleicht sollte ich ja mal meine positionierung grundlegend überdenken. ach was, ich komm ja nicht aus bochum.
abgenickt
sehr schön zusammengefaßt, aber was kümmert mich das? schließlich bin ich ja im grunde meines herzens winterfahrerin, nur dieses jahr war es ausnahmsweise mal anders. wo hätte ich auch hinfahren sollen? tatsache ist: ich nicke ohnehin nur noch, schon lange. ;-)
berlin brauchen
die berliner zeit rast, es ist kaum zu glauben. und jetzt, wo sich alle türen und fenster öffnen, erst recht. es ist nur noch ein monat etwa, vielleicht fünf wochen – dann ist es ein jahr her, daß ich vor ort die wohnungskündigung abschickte. noch ohne hier fündig geworden zu sein, und nicht ohne angst, versteht sich. aber dennoch sicher auf eine art, die mir seither abhanden gekommen ist.
dennoch ist es richtig, bislang zumindest, immer noch. das alles. trotz allem.
wie der augenblick, an dem alles anders war, mit einem mal. als ich ratlos irgendwo auf der prenzlauer alle stand – ich vermute zumindest, daß sie es war – ohne recht zu wissen, wie ich dahingekommen bin. kurz zuvor hatte ich noch in der speisekarte gelesen. tofu mit reis? oder doch besser nudeln? dann war die welt verschwunden, so plötzlich wie selbstverständlich. meine welt, ihre muster und regeln, nichts machte noch sinn. der weg nach hause war verwirrend, nicht nur, weil ich eben diesen weg nicht genau wußte. aber was ist ein zuhause? mein zuhause? die folgende nacht war tief und klar. mein blick ging vorbei an dem, was immer schon war, was auch immer so bleiben muß. ging darüber hinaus, und an mir selbst vorbei.
MEMORY ist tot, seitdem. gestorben. ein schneller, unvorhergesehener tod. es gibt nichts mehr zu sagen. und es war vergeblich, der ganze text. all die jahre, 7 etwa. oder doch schon 9? es ist gescheitert, ich bin gescheitert, ganz eindeutig. das ist so entsetzlich wie erleichternd.
die beißende gewißheit, die mir eingewachsen ist in den letzten jahren, ohne daß ich es hätte wahrhaben wollen. daß ich das limit längst erreicht habe, meine absolute grenze, daß ich darüber doch nicht mehr hinauskommen kann. das ende, rein beruflich betrachtet. daß es keinen weg mehr gibt, keine möglichkeit, jenseits von dem, was mir immer wieder als kitsch vorgehalten wurde. und das ich nie verstanden habe, einfach nicht habe verstehen können.
wo der text ins leben schneidet, oder aber umgekehrt, da hilft keine strukturanalyse, kein literaturwissenschaftlicher grundkurs und keine sonstige theorie. wenn die inszenierung im leben haftet, zwanghaft, im wahrsten sinne, dann bleibt ohne frage auch die kunst beschränkt. das ist unvermeidbar, zwangsläufig. und das läßt sich nicht lösen, nur leben. schritt für schritt, und tag für tag.
so brauchte es wohl berlin, um den knoten zu zerschlagen. oder doch eher aufzulösen? aufzugeben, in jedem fall, was mich gebunden hat. das, an was ich mich gebunden habe, in den letzten jahren. sinnlos, im nachhinein betrachtet. (naja, beinah sinnlos.)
es brauchte berlin, um weiterzugehen. darüber hinaus. oder auch nur zu weiterzusehen, zunächst einmal. wer weiß?
aber es öffnet sich ein weites feld von arbeit. denke ich.