am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

heute an der stelle vorbeigefahren, zirka 500 meter von hier, wo das kind weggeworfen wurde. zufällig, versehentlich, eine alltägliche strecke. vom motorrad aus aus den augenwinkeln zunächst nur die blumen und kerzen gesehen. erst unfall gedacht, dann plötzlich verstanden. ein altkleidercontainer, grün.

sehr erschrocken.

tangopein

das mit dem tango ist so eine sache. die brustwirbelsäule zeigt sich erheblich überrascht von den ersten vorsichtigen ochos, nach kurzer zeit dann schmerzhaft überfordert. ganz abgesehen davon, daß stabilität im sinne von balance eine kniffelige sache ist, insbesondere zu zweit ausgeführt.

noch schlimmer ist nur die sich stetig steigernde schlagzahl von partner – und rollenwechseln. nicht, daß ich nicht folgen und führen lernen möchte, nein. gerne auch im wechsel. aber bitte nicht nach gefühlten 2 minuten gemeinsamen tanzens. danke.

zusammen genommen hat mich der unterricht heute grundlegend erschöpft. nach einer stunde war ich urplötzlich am ende meiner kräfte, hätte auf der stelle gehen mögen. konnte mich vor allem auf keine neue „begegnung“ mehr einlassen, nichts mehr sehen, kaum noch hören oder verstehen. langsam fängt das ganze an, mir peinlich zu werden. beinah wie damals bei den bandproben, wo ich vor anstrengung und lärm tatsächlich mitunter flüchten mußte.

fazit: neues scheitern in aussicht. schade.

sunday

viel herumgeräumt und an den blogs gebastelt heute. geschrieben auch, ein paar stunden. und ganz zu anfang des tages fast eine stunde meditiert. (wie schnell manchmal die zeit vergeht.) aber nichts wirklich gearbeitet heute, alles anstehende auf morgen verschoben.

darf ich das so? sagen und leben.

lebensmuster

nicht weit von hier, ein paar straßenecken weiter nur, wurde vor kurzem ein kind weggeworfen. in einem altkleidercontainer ist es gelandet und dort gestorben. vielleicht war es auch schon tot, ich weiß es nicht genau. ich mag das nicht nachsehen in diesem internet, in dem diese information ohne zweifel zu finden sein wird. ich will es gar nicht wissen. besser nicht.

gehe ich dieser tage vor die tür, zur u-bahn, zum einkaufen, zum luftholen, werde ich ständig daran erinnert. an hauswänden und in ladenfenstern sehe ich die polizeiplakate, überall, die um mithilfe der bevölkerung bitte. diese vielen menschen in neukölln. wer kann helfen? wer hat etwas beobachtet, was ist passiert. als wäre etwas besonderes daran, wenn jemand ein bündel in einen container wirft. dazu gibt es nichts zu sagen, auch nicht mitten in der nacht. so ist das hier, alles ganz normal. ich gehe daran vorbei, ich habe nichts gesehen und nichts zu sagen.

so ist das. die kindergeschichten, die tödlich enden, bleiben am leben, werden besprochen und beschrieben. sie werden auf plakate gedruckt und kommen in die zeitungen. sie legen sich in schleifen um die kehlen. an die vor ein paar jahren entdeckten, in blumenkästen vergrabenen neugeborenen wird man sich erinnern, an die zerschlagenen und verhungerten kleinen toten, für die es zu spät ist. die bleiben haften im allgemeinen schreckensgedächtnis.

wie kann man nur, fragt die moral. wie ist das möglich? wie geht das?

ein kind wegzuwerfen ist unter umständen vermutlich nicht besonders schwer, ob es nun tot ist oder noch lebt. man muß ja nicht hinsehen, man muß es nicht merken, nicht spüren. in einer welt, in der gewalt ohnehin ein gängiges lebensmuster ist, das sich insbesondere in notlagen als überaus hilfreich erweist. so ehrlich sollte man sein, bei aller moral. und in einem moment, in dem es einfach nur einen ausweg braucht, ein schnelles ende. damit bald wieder alles so ist, wie es immer ist, alles ganz normal. der schrecken kommt später, das bewußtsein. wenn es wieder funktioniert. wenn es überhaupt funktioniert. vielleicht, vielleicht auch nicht. vielleicht kommt auch einfach nur die polizei.

ich bin nicht zynisch, nein. weder das noch moralisch. ich weiß einfach nur, wie der weg bereitet wird. ich weiß es an leib und seele, jahre und jahrzehnte hatte ich zeit, mir darüber klarheit zu verschaffen. über mich und über die anderen beteiligten. und über das schweigen, das so gern über alles ausgebreitet wird, das nicht tödlich endet.

wie viele betroffene sollen noch feststellen, egal ob öffentlich oder privat, daß langfristig betrachtet schläge bei weitem nicht das schlimmste sind. haut heilt schnell und hämatome verschwinden von allein. ich selbst verschwende seit jahrezehnten kaum noch einen gedanken daran. das hat sich erledigt, beinah wie von selbst, in einer nacht, mit einem traum. es sind die worte, die verachtung darin und die nichtkörperliche vernichtung, die nachhaltig wirkt, wie nichts sonst. das ist es, aus dem es lange keine rettung zu geben scheint, weil es im nachhinein allzu leicht mit jedem x-beliebigen aber verknüpft werden kann. aber die erwachsenen hatten es doch auch nicht leicht, damals. aber du warst auch ein so eigenartig bockiges kind, damals. aber das war doch alles gar nicht so gemeint, damals. aber das mußt du doch verstehen, heute.

ja, ich weiß. ich bin selber schuld, sowieso. so einfach ist das. (nicht.) dieses aber und das schweigen, das damit kreiert wird, macht wütend mitunter, unendlich wütend.

dennoch, ich lehne das verstehen nicht ab. wie könnte ich, ich bin ein geborener denker. nur so habe ich überlebt. immerzu denkend und begreifend habe ich meinen verstand beieinander gehalten und alles sehen, hören, speichern können, was ich wissen mußte. auch das radikale wechseln der position ist von entscheidender bedeutung. irgendwann, wenn man sich selbst dazu entscheidet. andere verstehen zu können, sei ihr verhalten auch noch so absurd, verletzend und vernichtend, ist eine unglaubliche erfahrung. den gegner verstehen zu lernen, den langjährigen freßfeind, kann eine offenbarung sein. letztendlich zerbricht es die vorstellung von schuld.

vieles, vermutlich das meiste, verstehe ich immer noch viel zu wenig. emotional bin und bleibe ich minderbemittelt, das wird sich womöglich nicht mehr reparieren lassen. doch es ist (mir) möglich, mit diesem menschen zu fühlen, dem es seinerseits möglich war, ein bündel kind in einem container zu entsorgen. so groß die sorgen und die not. kaltblütigkeit existiert so gut wie nie, auch das habe ich verstanden. verstehen macht dieser tage, daß ich mit schrecken durch die straßen gehe, von plakat zu plakat. weil ich von einem sinnlos toten kind weiß, nicht weit von mir, für das es zu spät ist.

verstehen will ertragen sein. verstehen, ohne verschleiernde moral und schützenden zynismus, kann sich äußerst schmerzhaft gestalten.

p. s. auch mit mir selbst bin ich heute (meistens) nicht mehr zynisch. nein, ich möchte nicht tauschen mit dem kind im kleidercontainer. ich behaupte nicht (mehr), daß es besser wäre, das leben möglichst schnell hinter sich zu bringen. ganz egal, auf welche widerliche art und weise. nichts in mir muß noch herumwüten, daß ich das alles schließlich nicht gewollt hätte. nicht diesen körper, nicht diese stimme, kein herz, keinen verstand und keinen atem. viel zu sehr mag ich die sonne, die wärme,  das licht. die dinge und die musik, die versteckten strukturen in allem. ich liebe die schwingungen und muster in den dingen dieser welt, wie sie wachsen, in allem. wie sie werden, die form wechseln, immer wieder, um letztendlich wunderbar zu verderben.

harmoniehölle

hölle harmonie

mein balkon ist ja ein wenig eigenartig, so gar nicht wie ich. mein schönstes zimmer, eigentlich, aber so rund und in sich einig. ich weiß doch auch nicht. so absolut harmonisch und, nun ja, schön eben. gut, daß er sich wenigstens in neukölln befindet und sich deshalb regelmäßig von herzen dreckig macht.

wie sagt man einem lehrer, daß er grad beim lernen stört? (einem tangolehrer zum beispiel.)

welten bewegen (3)

jahrelange körperliche mißhandlungen mit ein paar worten endgültig zu bewältigen, plötzlich und auch für mich beinah unerwartet noch sekunden zuvor, das ist das eine. das ist ein leichtes. mit welchen worten aber begegnet man den worten, die ebenfalls besiegt sein müssen. irgendwann.

zunächst einmal sind da meine namen. scheißblag, das eigentlich für alle kinder gilt, aber für mich ganz speziell. tante madga, was sich offensichtlich auf mein aussehen bezieht. genau verstehe ich das nicht. dann die tiere. ziege, das ist das wichtigste, ich weiß nicht, warum. ziege, das bin ich. darauf höre ich, wenn nach mir geschrien wird. doch auch andere kommen in frage, eule zum beispiel. heute finde ich das beinah interessant. ausgerechnet eine eule, der nachtvogel mit den leisen schwingen. ein stiller mörder. welches tier auch immer für mich gewählt wird, auf jeden fall ist es alt. oder kalt. alte ziege, alte eule, altes dreckstück. fischblut, kalt wie eis und ohne gefühl. dreck ist allerdings kein tier mehr, dreck ist noch weniger. dreck ist, worauf menschen mit ihren schuhen herumlaufen. dreck, das bin ich. wenigstens ein stück davon.

worte formen auch ideen und absichten, worte formen und bewegen welten. so habe ich es gemacht, und genau so machen es die anderen, die erwachsenen. die ist doch nicht normal, sagen sie über mich, über meinen kopf hinweg. die muß mal wo hin, sagen sie. so laut, daß ich es hören muß. ich bin gemeint, eindeutig, dagegen komme ich nicht an. ich fürchte mich, unmittelbar. worte reißen mich aus dem letzten bißchen ruhe in mir, immer wieder, mehr noch als die schläge. in diesem fall habe ich eine vage klischeevorstellung von einer irrenanstalt, denn irre bin ich, soviel steht fest. ich denke an eingesperrt und gefesselt sein, von fremden bewacht zu werden. niemals allein zu sein. ich denke an menschen, die noch verrückter sind als das, was ich bin, was ich lebe. da also soll ich hin.

ich gerate in panik.

doch ich sage nichts, ich schweige. ich tue so, als hätte ich nichts mitbekommen. ich stelle mich dumm, weil ich bleiben will, wo ich bin. ich warte, ein paar tage, ein paar nächte. ich bin allein. ich versuche, wachsam zu bleiben, bloß nicht einzuschlafen. obwohl ich nicht weiß, was ich tun könnte, wenn sie kommen, um mich zu holen. aber ich muß aufpassen, das weiß ich. ich muß wissen, was vor sich geht, so schnell wie möglich. ich muß alles sehen, es hören zumindest, rechtzeitig. denn ich muß bereit sein.

ich will mich wehren, wenn es soweit ist.

was ich lebe, was ich leben muß, dazu kann ich nichts. das war nicht meine wahl, doch ich weiß es nicht anders, nicht besser. ich will bleiben, wo ich bin, wo ich zurechtkomme. an dem ort, an dem ich weiß, wo ich eingesperrt werde, wenn es anders nicht geht. in der kammer gleich neben der küche. das kenne ich, das ist nicht weiter schlimm.

nach einer weile steht fest, daß die drohung eine leere hülle war. nur lärm und schreierei, ein um sich schlagen, ein wutschnauben vielleicht. worte, mehr nicht, denn nichts geschieht. alles bleibt ruhig, tage- und wochenlang. niemand traut sich, vermutlich, mich irgendwo hinzubringen. wohin auch immer. ich bleibe, ich werde weiterhin gebraucht. immer wieder geht das spiel von vorne los, worte und sätze wiederholen sich: du bist nicht normal, du bist doch nicht gescheit. du gehört weg, woanders hin. guck dich doch mal an, glaubst du dich will wer? usw.

wie kämpft man mit worten gegen worte? verrückte, leere worte. denn worte gegen worte sind wertlos, mitunter.

mach das maul auf, werde ich angebrüllt. kein mensch weiß, was du eigentlich willst. und ich weiß es auch nicht. schon lange nicht mehr. du hast mich ziege genannt, sage ich schließlich und blicke mit aller kraft auf. bist du doch auch, heißt da die antwort. wobei mir bereits der rücken zuwendet ist.

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