nie mehr möchte ich mich freuen, aus versehen. und anschließend wieder und wieder alles zerbröseln, zwischen den händen, in den augenwinkeln. aus! (leben wie ein hund.)
alle tage
ich bin wirklich eine schlechte köchin. farblich ist sowieso alles ungenießbar, aber auch sonst. den selbstproduzierten fraß mute ich mir immer nur selbst zu. mehr ist nicht drin, tut mir leid. die bratkartoffeln heute war auch wieder viel zu fettig, dafür aber wenigstens kein bißchen knusprig. außerdem habe ich es irgendwie geschafft, eine büroklammer einzubraten. weiß auch nicht wie.
migräneplanung
heute sämtliche migränemittel nach und nach aufgegessen. wenn ich morgen nachglühe, dann stehe ich ohne da. außerdem war der aufwand auch noch ohne jeden erfolg. nach 24 stunden scheint sich das tier dann aber von selbst verzogen zu haben. jetzt esse ich eis und suche nach im netz alternativen. vielleicht ein künstliches koma, das wäre nicht schlecht. was nimmt man da? propofol? und gibt es das bei ebay?
dreckstück
früher war ich ein wildes kind, hab ich mir sagen lassen. dabei habe ich nur im sand und in der erde herumgegraben, ich bin auf bäume gestiegen und habe an stöcken herumgeschnitzt. mit elf oder so bekam ich von meinem opa mein erstes taschenmesser. es war gelb, und ich trug es in der hosentasche mit mir herum, denn da gehörte es schließlich hin. auch in der schule hatte ich es immer dabei, niemand hat mich daran gehindert. ich reparierte damit mein fahrradlicht, wenn sein mußte, oder zog mit seiner hilfe den mantel wieder auf die felge. das messer war mein werkzeug, am wenigstens vielleicht die klinge. ich habe das gelbe ding sehr geliebt, bis es eines tages einfach auseinandergefallen ist.
ja, ich war ein wildes kind, ein halber junge, wie man damals sagte. vermutlich eher ein ganzer. ich kroch durch das gras im frühling und sprang im herbst in alle pfützen. im winter hackte ich mit den gleitschuhen löcher in die eisdecke der rodelbahnen. nur an die sommer erinnere ich mich kaum. dieses herumliegen auf den wiesen, dieses vater-mutter-kind-spielen. das war nicht meins. ich kugelte statt dessen die hänge hinunter, mit meiner kurzen lederhose und nackten beinen, im ringel-t-shirt. doch, das sehe ich genau. einmal hab ich mit zwei jungs ein kleines feuerchen gemacht, weit weg von allen, auf dem verwilderten grundstück vor dem fußballplatz. das war ganz leicht, und es ist gar nichts passiert.
aber natürlich war ich schmutzig, jeden abend, von kopf bis fuß. immer war etwas zerkratzt oder zerissen, an der kleidung oder an mir. und immer gab es ärger, wenn ich nach hause kam, nach getanem tagwerk. wo warst du, was tust du, wer bist du bloß. es wurde geschimpft und geschrien. ich wurde herumgezogen, erst in die eine ecke geschoben, dann in eine andere. meine klamotten wurden von mir entfernt und ich anschließend ins bad verbracht. dort wurde ich dann wieder sauber geschruppt, wie es sich gehört. andere sind doch auch nicht so verdreckt. guck dir die anderen an, die sind nicht so wie du. danach erst durfte der rest der wohnung betreten werden. danach durfte zivilisiert am tisch gesessen und gegessen werden, unter ständigem zetern und maulen. dreckstück. still sitzen und mund halten, nicht kleckern. ich.
füße waschen stand bei den abendlichen säuberungsaktionen ganz oben auf der liste. ausgerechnet die füße, ich weiß nicht warum. meine füße waren klein und sehr schön früher. sie haben mich überallhin weggebracht.
einmal sitze ich am abend nicht zuhause, sondern bei meiner oma auf der kleinen treppe in der küche und wasche mir selber die füße in einer blauen schüssel. meine füße sind grün, weil ich den nachmittag über meinen opa intensiv beim rasenmähen begleitet habe. meine kleinen grünen füße. genau in dem augenblick stehen plötzlich meine eltern in der tür, viel zu früh. ich soll abgeholt werden, zurück nach hause, doch ich bin noch nicht fertig. noch nicht sauber.
na, du müder krieger, sagt meine mutter da. und ich verstehe nicht. sie schreit nicht, sie schimpft nicht. sie ist ganz still. ich sehe sie wohl sehr fragend an, denn auf einmal lacht sie. weißt du nicht, sagt sie, wenn die soldaten abgekämpft und müde sind am abend. so bist du auch. ich verstehe nicht, was sie meint. natürlich nicht, was weiß denn ich vom krieg. was weiß denn sie. aber ich habe mich sehr gefreut, damals. vermutlich war es das einzige mal, daß meine mutter zu mir über krieg gesprochen hat. sonst haben wir ihn nur gelebt. schweigend, schreiend und seelenmordend.
doch ein kleiner müder krieger mit grünen füßen war ich gern für sie. dieses eine mal, an diesem einen abend.
mein vater flirtet
kranksein ist fein. man macht die seltsamsten dinge zwischen nerv, rotz und tränen. zum beispiel alte fotos einscannen, um sie alten freunden via facebook zeigen zu können. dieses hier unter anderem:

das ist so alt, daß es eigentlich gar nicht mir gehört. es zeigt meinen vater, wie er, irgendwann in den 50ern vermutlich, irgendwo in den bergen, ohne zweifel beim skifahren, eine mir unbekannte junge dame zu bezirzen versucht. seine versuche seinerzeit waren nicht von erfolg gekrönt, man sieht es der dame bereits ein klein wenig an. so ist diese unbekannte dann auch nicht meine mutter geworden und ich eine ganz andere.
na egal, wenn ich mir ihn da so anschaue, wesentlich jünger als ich heute, mitte zwanzig vielleicht. womöglich habe ich mir das kleine bißchen nettheit, das ich manchmal tatsächlich zu besitzen scheine, aus seinen augenwinkeln gestohlen.
anderswo habe ich über ihn einmal folgendes geschrieben: der einzige mensch, der mich je direkt ins gesicht geschlagen hat. das stimmt, das hat er und nicht nur ins gesicht. damals war das erlaubt, die elterliche sorge war noch eine gewalt. lektionen in intimität. so habe ich das gleich im anschluß an den ersten satz genannt. und wenn mich dieses bild sehe, dann weiß ich, warum das genau so stimmt.
da mein vater inzwischen seit fast 20 jahren nicht mehr lebt, ist heute ohnehin weder sein flirten noch sein schlagen von irgendeinem interesse. wichtig ist nur noch das in seinen augenwinkeln, denn das ist mir geblieben.
auf und unter dem küchentisch
eine meiner ältesten erinnerungen reicht zurück in mein drittes lebensjahr, genaugenommen bin ich gerade zwei geworden. das datum ist exakt belegt durch einen stempel im reisepaß meines vaters, sonst wäre mir dieser fakt sicher nicht bekannt. wobei letztendlich natürlich keine gewissheit bestehen kann. es ist möglich, daß ich mich irre, daß ich doch schon älter, also drei oder vier gewesen bin. mehr geht aber kaum, denn da gab es dann schon meinen kleinen bruder. außerdem habe ich aus dieser zeit viel zusammenhängendere erinnerungen.
ich bin also zwei jahre alt, vermutlich, jedenfalls noch ziemlich klein, und werde bei meiner oma in der küche auf den küchentisch gehoben. dort soll dann irgendetwas tun. keine vorführung, nicht tanzen oder ein gedicht aufsagen. nein, ich soll etwas fühlen, etwas zeigen. ich soll mich freuen. ich weiß aber nicht, warum. oder was. ich verstehe einfach nichts. nur diese küchentischwelt, in der ich ganz allein dastehe. und alle sehen mich an. ich selbst sehe nur meine oma, die mich regelrecht anfeuert. ich weiß im hintergrund meinen opa, der sich zurückhält, wie immer. die anderen menschen, die da auch noch sind, kenne ich nicht. sie sind es, die mir angst machen.
genau genommen ist es so: ich erkenne diese menschen nur nicht, denn es sind meine eltern, die für zwei wochen allein in urlaub gewesen sind. ohne mich, ich war in der zeit bei meiner oma zu besuch. das war ich oft, auch später noch. und das war ich immer gerne. während dieser vermutlich ersten elternlosen zeit habe ich übrigens geburtstag gehabt, das zumindest belegt der reisepaßstempel definitiv.
das ganze drumherum dieser humorigen familienanekdote ist mir natürlich erst im nachhinein immer wieder und wieder erzählt worden, davon war mir damals nichts bewußt. im grunde verhält es sich mit dieser geschichte, wie mit allen erinnerungen. es ist eine konstruktion, eine vermutung, bestenfalls eine versuchsanordnung, retrospektiv. eine variante von wahrheit, mehr nicht.
ich selbst erinnere mich allerdings bis heute genau an dieses gefühl, am küchentischabgund zu stehen. ein moment nur, wie ein blitzlicht. die wucht der erwartung, die ich nicht zu erfüllen in der lage bin. meine erste absolute einsamkeit. oder die erste sichtbare, das auf jeden fall. es wird gelacht. vielleicht über die situation, über die algemeine peinlichkeit. vielleicht auch über mich. ich verstehe das alles nicht, aber es liegt an mir. das weiß ich. man fordert mich, fordert mich heraus, fordert mich auf. immerzu. und ich verstehe immer weniger. ich weiß nicht, ob ich auch weine. irgendwann. vor verzweiflung und überforderung. das alles dauert ewig.
als meine oma mir endlich erklärt, wer die beiden sind und was man von mir will, bin ich erleichtert. vermutlich sind alle in diesem moment erleichtert. und ich freue mich tatsächlich, womöglich sogar ernsthaft. vielleicht bin ich aber nur froh, daß die fremden doch keine fremden sind.
zuhause, allein mit meiner mutter, saß ich übrigens immer unter dem küchentisch. daran erinnere ich mich auch, das ist vielleicht noch älter. es ist noch vager, noch undeutlicher. wie ich diesen ort verteidigt habe. wie ich mir wünschte, daß der tisch nicht nur oben ein dach, sondern für mich am besten auch noch wände hätte haben sollen.
das bin ich. so bin ich. vive la différence!
