am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

rot sehen

seit mittag leuchtet die corona-warn-app in rot. das kommt davon, dass ich am wochenende die erste, größere kulturelle veranstaltung seit fast zwei jahren besucht habe, den open mike. sorgen mache ich mir deswegen nicht. ich bin geimpft, und alle dort haben quasi die ganze zeit masken getragen. der heimathafen ist groß und hoch, es wurde gelüftet, und es waren längst nicht so viele leute da, wie es stühle gab. die meiste zeit saß ich also allein und war still. wie es mir immer ist, unter menschen.

das war sehr schön. das war es wert.

das rot in der app zeigt, was zu erwarten gewesen war: es ist nirgends sicher. auch das schreckt mich nicht. das wusste ich schon vorher, lange vorher. das habe ich als kind von grund auf gelernt. was eine exponentiale dynamik ist, bzw. wie es sich anfühlt, kurz bevor es losgeht. die ständige gewissheit, sich selbst nicht retten zu können. zu klein zu sein, zu hilflos. das ist alltag, das ist harmlos. die dynamik der überwältigung hingegen.

auf den heutigen alltag bezogen ist dieses rot nur eines: ärgerlich. weil es so derart vermeidbar gewesen wäre. so einfach, so schnell. vielleicht nicht alles, aber wohl doch vieles. und weil ich jetzt eine woche oder so zu hause sitze, weitgehend zumindest. das nervt!

aber naja, im großen und ganzen tue ich das ja sowieso, seit jahren jetzt. oder wie lange geht das alles schon?

#insight

es ist nicht die desolate infektionslage, die mir derzeit die nächte raubt und das gemüt. ich bin zweimal geimpft, die dritte impfung folgt in drei wochen. um mich sorge ich mich nicht. (nur durchdrehen könnte ich irgendwann, wenn ich noch einmal einen winter allein bei mir eingesperrt sein soll, zum beispiel. aber das interessiert nicht, das war all die letzten monate lang nicht von bedeutung.)

viel mehr noch schmerzt die desolate informationslage, an der selbst ich, des lesen und schreibens mehr als mächtig, mehr und mehr scheitere. keine ahnung, was stimmt und was gilt. alles ist nur noch ein rausch und ein rauschen, ohne sinn. was letztendlich vielleicht auch nicht so wichtig wäre, nicht für mich. ich weiß ja eh, was zu tun ist. alleinsein und ruhig bleiben. nicht verlernen, was das leben sein kann. oder könnte. oder war, vielleicht.

ganz besonders aber verzweifle ich an der gegenwärtig vermehrt um sich greifenden suche nach schuld, als gäbe es sonst keinen halt. und wenn sich keine schuld finden lässt, die sich irgendwem anhaften ließe. oder immer nur dieselbe, die sich noch dazu unmittelbar mithilfe von kleinen argumentationskreisen ins leere verläuft. dann bleibt zuletzt noch das erfinden von erklärungsmustern, die sich ebenfalls am besten in anderen verankern lassen. ohne differenzierung, eine scheinbar einfache gleichung.

es ist immer der schrecklichste aller entwicklungen, wenn das denken und erleben an diesen punkt kommt. die einfachheit von schwarz und weiß, die es doch nie gibt. nirgends. alles scheint so leicht, wenn es nach diesem muster geht. gehen könnte. aber es rettet nichts, niemals. es ist nur zeitvertreib, als gäbe es die zeit dazu. jetzt.

jetzt ist die zeit, den kopf zu heben, und über das virus hinauszusehen. was werden wir sein, danach. was werde ich.

party mit abstand

als ich ins bett gehen will, stelle ich fest, dass genau gegenüber eine party stattfindet. so mit fremden leuten in der wohnung, buntem licht und lauter musik. alle fenster und türen stehen auf, immerhin. so kann ich jetzt erstmal gut an dem geschehen teilhaben, für eine ganze weile noch, vermutlich. ist ja noch früh.

das alles mit zirka dreißig meter abstand, immerhin. das sollte sicher sein.

durchblick

jetzt ist sie da, die neue brille. angekommen, bei mir im gesicht. es ist ein wahnsinn. wie die welt scharf gestellt ist, brillant und transparent, alles klar erkennbar. auf einmal.

und erschreckend, wie ich es nicht gemerkt habe, dass ich längst nicht mehr so richtig sehen konnte. das kommt schleichend, ich weiß. besonders diese rückentwicklung, wenn die neuen gläser schwächer bemessen sein müssen. und eigentlich habe ich es ja auch gemerkt. immer wieder stand ich beim bäcker und konnte die schilder nicht lesen. oder im supermarkt, mit erhobenem kopf, um irgendwie die leseabteilung der brille mit ins spiel bringen zu können. und zwar bei durchaus gut dimensionierten schriften. außerdem hab ich die brille immer wieder abnehmen müssen, dann das zu inspizerende objekt ganz nah ans gesicht geholt. in den bereich, in dem ich halt ohne kann. sah sicher ziemlich dämlich aus, alte-leute-scheiß eben.

egal: das ist jetzt vorbei.

ich bin sehr zufrieden mit der neuen. vor allem auch mit dem blick durch jetzt mal wirklich hochwertige gläser. das ist fast wie richtiges sehen, bis ganz in die ränder, ohne farbverschiebungen oder doppelbilder. ich wusste gar nicht mehr, dass das geht. sehen!

blau

nach der arbeit schnell die kontaktlinsen rein und zum optiker geradelt. ich will sie jetzt zügig haben, diese neue sicht. dort dann alles fix gemacht, helmprobe vor der tür, ohne maske, dann die gläser gewählt, augenabstand gemessen, usw. irgendwann fragt die optikerin, die mir ja die ganze zeit tief in die augen gesehen hat, ob ich farbige linsen tragen würde. das hat mich für einen moment ein wenig verwirrt, dennoch konnte ich recht schnell mit dem kopf schütteln.

es ist ja nicht das erste mal, dass ich das höre, und ich selbst sehe das einfach nicht. auch wenn ich im spiegel danach suche, finde ich immer nur ein banales blau. blaue augen, das haben doch die meisten menschen, denke ich. oder etwa nicht?

dennoch: dieses recht dunkle und scharf konturierte blau ist ganz und gar mein eigen.

auge um auge

das war mal eine gute idee. im netz rumsuchen nach kleinen brillengestellen. es gibt ja irgenwie nur noch große, zum teil sogar riesige. und das geht gar nicht, bei meinem ausgeprägten grad an maulwurfigkeit. neben der maßlosen größe der gestelle fällt auf, dass die kunststofffassungen fast alle glänzen. es scheint keine matten ausführungen mehr zu geben, keine ahnung warum. dass ich die nicht will, hat keine praktischen gründe. das ist reine geschmacksache.

im netz aber gibt es noch alte modelle, sehr kleine metallgestelle auch, zum teil mit klingenden markennamen. rodenstock zum beispiel, von denen habe ich jetzt eine lesebrille. nachdem ich seit jahren schon mit dem lesen kämpfe, immer auf der suche nach der richtigen stelle im gleitsichtbereich, hatte ich die idee, mir eine angemessen unterdimensionierte einstärkenbrille nur zum lesen machen zu lassen. dachte, das wäre eine absurde, womöglich leicht abwegige idee. aber nicht doch, meinte der optiker, genau so wird das wohl gemacht. langes lesen mit gleitsichtbrille wird nicht empfohlen.

die brille eignet sich auch ganz hervorragend für die kleine apple-maschine, die ich gerade auf dem schoß habe. es ist so toll, sehen zu können. um lesen zu können.

außerdem hat sich beim obligatorischen sehtest herausgestellt, dass meine aktuelle alltagsbrille mächtig zu stark ist. meine sehstärke verbessert sich weiter, in den letzten jahren habe ich auf beiden augen über zwei dioptrien gutgemacht. also so in etwa ein fünftel, womit ich immer noch zur glasbausteinfraktion gehöre. aber zu starke gläser soll man nicht tragen, damit kann man nicht sehen. das war mit sogar schon selbst aufgefallen, ohne dass ich die richtigen schlüsse gezogen hätte. weil ich mit sehr alten, und damit sehr starken brillen in letzter zeit so gut wie gar nicht mehr zurechtgekommen bin.

es wird also auch eine neue alltagsbrille geben, gleich morgen. von einem edeloptiker, ein titangestell, gläsern mit hoher brechkraft und kassenverordnung, aber sicher immer noch kostspielig. ich weiß es noch nicht so genau. ist auch egal. augen sind wichtig. es ist toll, sehen zu können.

und ich kann sehen.

latein

sehr müde, sehr traurig, heute, irgendwie am ende mit allem. sonst noch was? ach, ja: winter is coming!

hilflos

was ist das nur, dass ich hier für mich, wie ich bin, mir immer wieder interpretationen meines lebens in form von hilfsangeboten vom leib halten muss. andererseits aber, wenn ich sehr konkret um hilfe bitte, dafür auch zu zahlen gewillt bin, mitunter, ganz selbstverständlich, dann lässt man mich warten. ich bekomme keine antwort, über jahre mitunter, nur freundlichen zuspruch, gelegentliche beschwichtigungen. leere versprechungen; wie sich dann mächtig druck aufbaut, von tief in mir, der mich irgendwann zwangsläufig platzen lässt. literally!

heute zum beispiel, rückblickend auf das blogbaudesaster der letzten vier bis fünf jahre. so gut wie nichts ist getan, im gegenteil, immer wieder fängt es von vorn an. oder eben nicht. wie ich mich schäme dafür, wenn ich dann auseinanderfliege. und überhaupt, dass ich andere fragen muss, und immer die, ausgerechnet, die mich nicht hören, nicht verstehen. was ist das bloß?

das macht mich derart ratlos.

existent

das ding ist ja, dass ich, wenn ich zu arbeiten beginne, was auch immer, muss gar nicht schreiben sein, dann vergesse ich augenblicklich meine elende existenz. normalerweise.

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