am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

keine klagen (25)

über sechs stunden geschlafen, das erste mal in dieser woche. sonst gab der handywecker jedesmal diese erschreckenden prognosen von sich: noch 3h, 38min. oder so ähnlich. die migränepanik von gestern hat sich auch erledigt, keine zusätzliche reiseplage in sicht. nur der nacken schmerzt, tief innen die schulter, bei jeder bewegung. das ist normal, denke ich. das ist immer.

weiter zu denken, fällt mir schwer.

es ist vorbei. in wenigen minuten werde ich wieder heimatlos sein in diesser stadt, noch etwas herumlaufen, proviant kaufen, bevor ich mich zum bus, zum flughafen begebe. drei oder vier stunden werde ich in schwechat absitzen müssen, erst spät am abend wieder in berlin sein. unterwegs.

wo ist das.

keine klagen (24)

eis essen, wasser treten, schlafen wollen und träumen.

nach all dem flach auf dem rücken auf den planken liegen. über dem see, dieses durchsichtige türkis, ein letztes mal. dabei mein herz spüren, wie es mir unverschämt die brust zu sprengen und in den hals zu springen versucht. bald ist es vorbei, alles wieder gut.

dann sitzt zwanzig, dreißig meter entfernt auf einmal die diesjährige preisträgerin auf einer bank. ganz allein, sie schaut sich um, telefoniert, liest in einem buch. woran erkennt ihr, daß sie das ist, daß es nicht nur eine frau ist, die ihr ähnlich sieht, fragt kathrin passig. es ist die haltung, sage ich, denn das gesicht kann ich auf die entfernung auch nicht erkennen.

frau petrowskaja sitzt wie sie steht, wie sie schreibt. das ist haltung. das ist mehr als das, das ist schlicht sein. also weniger eigentlich.

keine klagen (22)

das wars, fast. in den letzten jahren saß ich ungefähr ab jetzt auf der straße, die mehr oder weniger menschenleer war, und wartete ein paar stunden auf den bus zum flughafen. diesmal fliege ich erst morgen, kann also in ruhe ausklingen lassen, was in mir tobt. oder auch nicht. nochmal zum essen, irgendwo, zum schwimmen, zum trinken. noch einmal menschen. die menschen, die noch hier sind, das sind nicht wenige. menschen, die ich inzwischen ein bißchen kenne, und die auch mich kennen, erkennen zumindest. ja, es wird leichter mit der zeit, auch wenn mir die wirklich wichtigen dinge letztendlich nicht gelingen wollen.

am morgen dagegen, gegen neun, lag das aufwachen in einem anderen land. tief verkrochen, mit einem klaren blick in den abgrund von anstrengung und unvermögen. als wäre der absturz gewißheit.

keine ahnung, wie es von hier aus weitergehen soll. (jetzt schnell wieder aufs rad.)

keine klagen (20)

schwimmen. ist doch jedes jahr das beste, auch wenn es diesmal im regen stattfand. ohne schwimmtier habe ich mich auf die lyrikstrecke gewagt, als einzige, und deshalb natürlich gewonnen. hat aber keineR gemerkt, zum glück.

die panik der letzten tage legt sich langsam. was verloren ist, ist verloren. und wieder rede ich nicht vom schreiben, sondern von dingen, die ich weniger kann. oder überhaupt nicht. das manko menschenscheu, das ich gleich sofort wieder mit füßen treten werde, um unter menschen zu gehen.

noch so eine nacht in klagenfurt.

keine klagen (19)

die nächte, ach, die nächte in klagenfurt. könnte ich klagen, ich würde klagen. und es wäre ein genuß. so viele nette menschen, die nette, schöne dinge sagen und auch tun. zum beispiel längst überfällige blumensträuße endlich überreichen. das ist klug. das steht an gegen die idioten, die es auch gibt. auch hier. offensichtlich.

jetzt. schon hier. schon vor ort, am hafen. mit netz und ohne doppelten boden. gleich gehts weiter. mit kaffee und milch.

keine klagen (18)

auf eigenartige nächte folgen eigenartige tage. mit dem mädchenhaften rücktrittbremsenfahrrad, den tangotauglichen, aber radfahruntauglichen schuhen und im geliehengeschenkten kleid, ebenfalls höchst ungewohnt, fahre ich als erstes mit der rechten schulter gegen eine mauerecke. die mauer bleibt stehen, die schulter wird blau, ich überlebe. alles. auch die mit dem alten barttrimmer meines vaters gestern nacht bereits kurzenschlossen geschorenen beine. die tragen jetzt einen dreitagestoppelbart, sozusagen. gefällt mir. alles.

lendhafenlungern

das anschließende stundenlange herumlungern im lendhafen, hören, sehen, blättern, lesen, ist ebenso spannend wie entspannend. was allerdings nichts an der eigenen anspannung ändert, die wiederum nichts mit dem seltsamen kleidungsstück an mir zu tun hat. im gegenteil. ich mag die ungewohnten bewegungen, die einschränkungen, die ich mich derart gehasst zu haben erinnere. beschränktheit war es, früher, nicht nur fast eine gefangenschaft.

heute kommt es mir vor wie vorsicht, eine bedachtheit, achtsamkeit beinah. wie auch immer, es macht die angst nicht größer und nicht kleiner. das außen ist immer nur ein bild. einblicke dagegen bleiben schwierig. das dahinter, darunter, daneben. das unfaßbare, im leben wie im text.

lendhafenlungern

ich bliebe sperrig in diesem jahr, das ein schmerzensjahr ist. der kiefer, der nacken, die schulter. kopf und herz sind eingeschränkt. dabei ist literaturlungern in der sonne derart abgründig und schön in klagenfurt.

keine klagen (17)

jede nacht am see ist anders. gut gegessen diesmal, kaum alkohol getrunken. besser so, besser für mich. viel reden, manches versuchen, dann in gedanken in kreisen über die wiese gehen. für eine weile, nur für mich. es hilft nichts. was verloren ist, muß für verloren erklärt werden. und ich rede jetzt nicht vom schreiben, nicht nur zumindest. ich denke an meine vertrakte menschenuntauglichkeit, die unfähigkeit, einen einfachen anfang zu machen. oder einen schritt weiter zu gehen.

doch alles das muß sein. und kreisen in der nacht, durch die gegenwart, die stimmen der anderen, ohne anzuhalten. nur die gedanken nach einer weile. stehen. das beruhigt.

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