ein zahnarzt in einem einkaufszentrum. keine ahnung, wie ich überhaupt dahin geraten bin. über mir die rolltreppen, neben mir die autobatterie, mit der er seine geräte betreibt. bevor ich flüchten kann, hat er mir schon etwas aus dem maul gerissen. gegen meinen willen. ich bin wütend, aber jetzt muß ich bleiben, damit das wieder repariert werden kann. und ich muß warten, denn natürlich ist der kerl jetzt erst einmal verschwunden. es dauert, bis ich begreife, daß aufwachen durchaus eine alternative darstellt.
ein wochenende voller pc-basteleien und partynächte. (gut, es war nur eine nacht, aber das reicht ja in meinem alter.) dazwischen phasenweise in den text gesunken, sehr eigenartig. nicht der reihe nach, eine seite nach der anderen, also textchronologisch, was in dem fall ohnehin kaum möglich ist. da folgt nichts auf alles und alles auf nichts. statt dessen bin ich den strängen gefolgt, den geschichten und beschreibungen. den begegnungen zum beispiel, den umgebungs- und ritualskizzen und dem mord natürlich. (ist es ein mord?)
verschollene vergangenheit, unklare gegenwart, nicht fixierte zukunft. das alles einzeln auf die wäscheleine gehängt, zum trocknen über nacht. vielleicht bleibt noch die zeit für eine letzte chronologische kontrolle, schließlich ist da viel, das ich noch mit leichter hand geändert habe. kleinigkeiten im grunde, interpunktion und wortwechsel, selten mal ein ganzer satz. wie schön es ist, den text wieder leichter zu machen gegen ende, den druck herauszunehmen. wie die wendungen und bewegungen klein werden, weil alles stimmt. oder zumindest das meiste.
aber wer weiß. tatsächlich bin ich längst abgetaucht in die textmelodie, verschwunden und verschollen. ab hier gibt es kein entkommen, da heißt es: vorsicht. auch die besten, dichtesten texte können zerstört werden, jederzeit, wenn auch einzig durch ihre verfasser.
persönlich
nachdenken über identifikation und identität. habe ich so etwas? brauche ich so etwas? eher nicht. die illusion einer stabilen hülle ist mir längst abhanden gekommen. jede art von fixierter persönlichkeit ist letztendlich fassade, ein spiel, das vor nichts rettet und nichts bringt. im gegenteil, es zerstört möglichkeiten, indem es grenzen setzt. aber ganz ohne geht es letztendlich auch nicht. ohne standpunkt läßt sich keine position beziehen. ein verwirrspiel also.
versprechen gebrochen, heute doch nicht mehr in den text gegangen. nicht einmal angefangen, nur kurz einen gedanken notiert. zwei sekunden. dafür einen anderen, einen schnell gekneteten blogbeitrag zum thema #aufschrei gebaut, gepostet. der letzte von meiner seite, versprochen. (oder auch nicht.)
jetzt: unendlich müde.
aufschrei(b)en (2)
bevor ich ein teenager war und eine fremde zunge in den hals gesteckt bekam, war ich ein kind. ohne zweifel ein kind meiner zeit, also eines der 60er und der frühen 70er jahre. als solches, und insbesondere als mädchen, das ich eigentlich gar nicht war, bin ich selbstverständlich entsprechend indoktriniert worden. wenn ich mich recht erinnere, habe ich nie so genau verstanden, was meine mutter mir eigentlich zu erzählen versuchte. vermutlich verstand sie diese art der einweisung als aufklärung. was einigermaßen lächerlich ist, vor allem weil mir speziell zum eigentlichen thema noch lange jegliches basiswissen fehlte. so war das – damals – tatsächlich. aufklärung mußte man sich suchen, eigenverantwortlich und am besten heimlich. und das war nicht einfach. wenn die fragen keinen halt und keine richtung finden, weil da einfach nichts konkretes ist.
so gab es also diese düstere angstkulisse, das war alles. da draußen lauerte eine unbekannte gefahr, irgendetwas männliches, mit angst, sex und gewalt hockte es im dunkeln und wartete. das stand fest, aber was eigentlich? denn alles blieb ohne worte, ohne bilder. doch es hatte auch etwas mit mir zu tun, mit etwas in mir, von dem ich selbst noch kaum wußte.
ich wußte nur: ein mädchen darf im dunkeln nicht mehr draußen sein. ein mädchen muß angst haben, immerzu, daß ihm etwas getan wird. (aber was nur?) und ein mädchen muß aufpassen, daß alles das nicht passiert. (was auch immer!) wenn es das nicht tut, dann ist es bald selbst ein böses mädchen. denn da draußen gibt es etwas böses, das sich die mädchen holt. alle, unwiederbringlich. (meine mutter ist ein kriegskind, muß man dazu wissen. wenn sie angst vermittelt, dann ist es ihre eigene angst. dann handelt es sich um nackte, wilde todesangst. das ist totes land und rohes fleisch, ein trümmerfeld.) häufig war auch von einem „schwarzen mann“ die rede, was für ein ein absurdes, im grunde abartiges bild, das in mir nach und nach zu etwas düsterem wurde. eine dunkle seele, einem mörder gleich. aber gesichts- und konturlos, hinterhältig, eine art monster.
eines abends war dieses monster dann tatsächlich hinter mir. auf dem weg nach hause, im dunkeln versteht sich, das läßt sich schließlich nicht vermeiden, manchmal ist es ja schon nachmittags um fünf dunkel. die straße, in der ich damals wohnte, außen entlang an der neubausiedlung, war nicht besonders belebt, nur an einer seite bebaut. ich weiß nicht, war ich zehn oder dreizehn? vielleicht jünger, auf keinen fall älter. und dieses düstere hinter mir, dieses monster sprach mich an. ich weiß nicht mehr, was es sagte, immerhin ist es fast vierzig jahre her. aber es will, daß ich stehenbleibe, mich ihm zuwende. das weiß ich noch, und ich tue es natürlich nicht. in mir grüble ich, was es denn will, das da, hinter mir. aber ich gehe weiter, ich gehe nicht schneller, nur weiter, immer weiter und stelle mich taub. das hinter mir läßt mich nicht los, es ist dicht hinter mir. und es bleibt mir auf den fersen, vielleicht minutenlang. bereits nach kurzer zeit ist mir das klar. wenn ich es genau überlege, dann sind es mehrere, wenigstens zwei. denn sie sprechen über mich, beschreiben mich, von hinten. und sie lachen. zirka 200 meter vor der haustür fange ich an zu rennen. ich rufe oder schreie nicht, ich renne nur. und friemel dabei den schlüssel hervor, den ich damals noch um den hals trug. auch das hinter mir rennt, und in dem moment weiß ich endgültig bescheid. ich bin das mädchen, das geholt werden soll. jetzt.
ich schaffe es bis zur tür, einen endlosen augenblick hänge ich mit dem genick am türschloß und drehe den schlüssel. dann bin ich im treppenhaus, die tür hinter mir ist zu. ich weiß nicht mehr, wie eng es war. ob es überhaupt eng war. ich glaube, ich wußte es auch damals nicht. eigentlich weiß ich bis heute nicht, was das eigentlich gewesen ist. wieviel ernst? wieviel illusion, aus indoktrinierter angst geschürt?
bleibt noch eine treppe, sechs stufen sind es bis zur nächsten tür. nicht viel zeit, um mich zu beruhigen. hinter der nächsten tür gibt es kein wegrennen mehr, auch keine weitere tür, die mich retten könnte. nur ein verkriechen in mich selbst, ein schweigen und verleugnen. hinter der nächsten tür wohnt eine andere angst. als kind war ich abhängig und verfügbar, immer und überall. dazu braucht es keine fremden düsteren monster. ich bin böse, dafür reicht familie. aber das ist eine andere geschichte.
