am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

schreibzeit (56)

schreibzeit, das sind nicht nur meine ausflüge in die kleine stadt, die langen wochenenden zwischen den büroarbeitstagen oder die schnellen korrekturrunden nach einem achtstundentag. (letzteres ist von übel, das mache ich so gut wie nie.) schreibzeit ist viel mehr als das. keine summe, kein verlust. schreibzeit ist vor allem leben.

obwohl es sich durchaus um die gesamte zeit handelt, die vergeht, die ich lebe, während ein buch entsteht. also nicht nur die zeit, in der ich de facto am oder im text sitze, festgefahren oder in fluss. nein, absolut alle zeit. sieben jahre also, diesmal. (wobei ich gerade nicht weiß, wie ich die drei jahre totalunterbrechung werten soll.)

jetzt ist der text weg. natürlich nicht wirklich, er lauert auf diversen festplatten und anderen datenträgern. er ist ganz nah, gestern noch habe ich ihn nach tippfehlern und anderem unsinn durchsucht. etwas in mir ist irritiert, dass ich heute nicht dort eingestiegen bin. dass die menschen nicht getroffen, ihren gedanken und gesprächen nicht gelauscht habe. aber das geht nicht, es ist aus. fürs erste zumindest.

und jetzt bin ich überfressen und auf entzug zugleich. heute schon, das ist schlimm. bin ich leer, bis aufs letzte ausgeschöpft.

aber so ist das nach einer so langen schreibzeit. ach was, so ist das nach jedem text. aber die länge (der zeit und des textes) diesmal macht mir angst. die tiefe der erfahrung und die ebenso überraschende wie prägende persönliche beteiligung ganz zuletzt. damit hatte ich nicht gerechnet, das war dumm. das weiß ich besser. schon lange, schon immer. nicht erst, seit ich schreibe. leben kostet kraft. wirkliches leben, nicht nur das ableben der lebenszeit. das wäre warten, reines warten. und das liegt mir gar nicht.

der unfall vor etwas mehr als einer woche gehört auch dazu. als erste erscheinungsform der abgründigen erschöpfung, die sich in sieben jahren in mich eingeschrieben hat. kaum weiß ich, wie ich die augen offen und das hirn hochhalten soll. oder eine richtung in mein tun bringen. nun gut, so ist es schon lange, immer wieder mal. das kommt und geht, aber gerade komme ich nicht mehr darüber hinweg.

ich weiß, das liegt daran, dass die erinnerung aufgegangen ist. deshalb tobt jetzt alles wild durcheinander. so war es nie, so schnell. und die tür wird sich wohl auch nicht mehr schließen, der deckel nicht mehr fallen. das hatte ich ja gedacht, zumindest erwartet. inzwischen will ich das aber gar nicht mehr. es ist besser, das leben und alles, wenn man sich ganz zur verfügung hat. musik hören, den regen spüren, die sonne. wirklich alles.

und darüber hinaus zwischen dem, was ich lange schon weiß und was mir noch länger fast so unendlich langweilig ist. auch wenn es jetzt durch mich hindurchrast, als gäbe es kein morgen, ohne jeden sinn und zweck. in den feine ritzen, zwischen ein- und wieder ausatmen, mitunter. da sehe ich auch neues. altes im grunde, uraltes. das mir aber noch nie bewusst begegnet ist.

das wiederum ist eigentlich ganz gut.

bonding (138)

einfach nur die erste überarbeitung abschließen, das reicht natürlich nicht. das ding muss ja dann auch raus. vor über zwanzig jahren, als der erste roman an diesem punkt angekommen war, da hat das tatsächlich über ein jahr gedauert. der ausdruck lag in einem karton im ungeheizten extrazimmer, gleich neben dem papiermüll und dem ascheeimer. wenn ich mich recht erinnere.

so ist es jetzt nicht, ein glück. darüber bin ich dann doch hinaus. es ist aber auch unendlich viel leichter geworden, denn ich muss nun nicht selbst die passenden verlage ermitteln. mich umstellen auf verkaufsmodus, was mir so gar nicht liegt. was ich also ohnehin nicht einmal ansatzweise erreichen könnte.

ein pdf erstellen und es an die agentur schicken, das war dagegen heute eine recht einfache übung.

und dennoch beängstigend.

bonding (137)

fertig, denke ich.

die erste überarbeitung mit größeren umstruktuierungen und etlichen neuen elementen ist soeben fertig geworden. mitte oktober sollte es sein, so war es mit der agentur abgesprochen. ich bin ein streber, ich weiß. am ende meiner kräfte, mehr oder weniger auf dem zahnfleisch. keine konzentration mehr, kein elan. schlafen kann ich auch kaum noch, das aufstehen am morgen ist eine qual. und wie sich die vergangenheit geöffnet hat. ich weiß nicht, ob ich das alles so wollte. aber niemand fragt mich am ende. ich bin das material, und der text verlangt alles. von mir.

gestern also, am 15. 10. 2020 um 23.59 uhr, habe ich die finale datei gespeichert. die verlagsversion, so nenne ich das mal. sicher nicht ansatzweise veröffenlichungsreif und natürlich noch lange keine druckversion. auch wenn das gröbste erledigt sein sollte, da ist noch viel zu tun. so einiges habe ich auch schon selbst auf der liste. nicht für jetzt und nicht für bald. aber es steht schon da.

so, wie es jetzt ist, werde ich das ding morgen an die agentur geben. und von dort aus? himmel, was weiß ich. das mache ja nicht ich, das wird sich also zeigen. und ich werde es sehen, erleben. vermutlich. das überblicke ich nicht, kein bisschen.

ich begreife das alles sowieso gerade überhaupt gar nicht. heute nacht. sieht aus, als wäre es tatsächlich vorbei.

bis es dann weitergeht, irgendwann.

glück & vitamin

ich muss lernen zu begreifen, dass mein leben nie in ordnung kommen kann. kein leben ist ja je in ordnung, allen plänen und vorstellungen zum trotz. ordnung ist immer illusion, doch auch das ist kein trost. der riss ist zu alt, der kleine schnitt. das wächst sich nicht aus.

das alles ist mir nicht neu, nur diese zeit. dieses warten ohne blick, dieses verkriechen. ich schaue auf den boden, sehe die hilfskonstruktionen. gehen sie spazieren, jeden tag. telefonieren sie, das ist ungefährlich. oder zoom vielleicht, skype. gibt es ja auch noch. was wären wir, in dieser lage, ohne netz.

nein, das ändert nichts. das ist, als wollte man lebensglück erzeugen: durch vitaminzufuhr.

pudding

mal eine alltagsgeschichte: der neue nachbar brauchte einen korkenzieher, gestern war das, am sonntag. deshalb kriegte ich dann heute einen schokopudding mit sahne und ein paar blaubeeren zum nachtisch, als der nachbar mir mein küchenwerkzeug zurückbrachte. und geduzt hat er mich, der junge mensch. und ich bin ja inzwischen so derart alt, dass mich das immer ein bisschen wundert, wenn das passiert. vergucken kann man sich da, das glaube ich ziemlich sicher, bei mir nicht mehr. aber gut, es war so eindeutig, dass es vermutlich nicht komisch kommen, wenn ich das auch mache, wenn ich das gespülte puddingglas zurückbringe.

irgendwann dieser tage.

#insight

dieses buch und dieses jahr, beides führt mich weit zurück, es infantilisiert mich nahezu. könnte man sagen. das eine mehr, das andere weniger produktiv. das eine wirkt auf mein denken, das andere löscht mein leben. das zusammenspiel ist kontraproduktiv. und ich bin nicht in der lage herauszufinden, was oder ob etwas davon gut sein kann. letztendlich.

als bewohnerin der alle rekorde brechenden neuköllner coronainfektionshochburg darf ich wohl in absehbarer zeit die stadt nicht mehr verlassen. um zum beispiel zuflucht in der kleinen stadt zu nehmen, keine drei kilometer hinter dem berliner stadtgrenzenschild. ich wäre dort allein, und auch hier sehe ich keine vier menschen regelmäßig und auf längere zeit. einmal die woche. darüber hinaus seit letztem märz höchstens fünf bis sieben weitere personen, privat oder sehr kurz mal im büro. doch für das, was ich nun bin, gibt es anderswo keine herberge mehr. einstweilen.

das ist wie damals. es gibt keine welt jenseits des eigenen elends. ich darf nicht, was auch immer. inzwischen begreife ich natürlich, dass ich nicht wirklich zurückmuss, dass das gar nicht geht. wo ich früher war, wo ich aufgewachsen bin. das alles gibt es nicht mehr, immerhin. oder eben nur noch in mir.

es ist erinnerung. die isolation, das immer nur selbst sein und immer alles allein bewältigen. die situation heute ist de facto nur ein abklatsch, denn jetzt gibt es ziemlich sicher eine welt. in greifbarer nähe sogar, das denke ich zumindest. wir werden sehen, irgendwann.

damals war da nichts, das ich kannte. das mir irgendwie vertraut gewesen wäre. das ist und bleibt schwer zu erklären. doch das ist es, mit dem ich spielen muss. dieser tage, dieses jahr. wie lange noch.

und wozu.

keine frage.

das leben ist niemals eine frage, noch weniger eine antwort. auch nicht das sterben, das schon gar nicht.

das versteht sich von selbst.

soul & blues

heute ist der tag der seelischen gesundheit in der welt. (na gut, eigentlich war das gestern. aber egal, ich bin ja noch wach.) deshalb keine arbeit heute, für die eigene seelische gesundheit. nur den seit monaten vor sich hin triefenden wasserhahn in der küche habe ich ausgetauscht gegen den ebenfalls schon vor monaten neu gekauften. nicht allein, übrigens. dass soll ja auch so ein aspekt der seelischen gesundheit sein, hab ich gehört. dass man nicht alles allein machen muss.

mehr war nicht. fast nicht, aber egal. es wird ja sowieso in diesem blog nicht immer alles verraten. das wär ja noch schöner.

auch das schreiben dient der seelischen gesundheit, das ist nicht neu. aber es fördert sie, indem es die seele herausfordert. was immer damit gemeint sein mag: seele. da weiß ich auch keine antwort. die ganz persönliche kapazität vielleicht. der teil, mit dem man geboren wird, und die vielen weiteren teile, die man sich unterwegs aneignet, die man entwickelt aus den gegebenheiten.

ist es die seele, mit der man das sein betrachtet, das eigene? das, was sich ganz außen, am äußersten rand der menschlichen existenz befindet? das unabänderliche, schier unverwundbare?

ich wachse mir nach, mein ganzes leben schon. wird mir ein zentner mehr aufgeladen, dann wächst meine kraft um exakt diesen zenter. wenn es ein gramm ist, dann spiele ich mit eben diesem gramm. das macht meine stärke aus, dass ich eine nachwachsende ressource bin. das macht auch meine benutzbarkeit. gerade aber scheint es anders zu sein. oder zu werden, vielleicht.

im moment wachse ich, indem ich schrumpfe. ich werfe last von mir, dadurch und spare kraft. das ist seltsam. daran muss ich mich gewöhnen, das wird wohl ein wenig dauern. es ist, als würde das denken sich drehen. und dabei doch völlig gleichbleiben. während im grunde die welt sich ändert.

seltsamerweise ist das traurig.

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