ein bisschen betrunken bin ich, nach einer ganzen weile abstinenz. für die ruhe und den schlaf, hatte die ärztin mir dringend empfohlen. hat aber nicht viel geholfen, fürchte ich. oder ich habe es nicht ausreichend praktiziert und überhaupt: das gesamtpaket nicht berücksichtigt. achtsamkeit und stille, die zwei haben bei mir derzeit auch keine chance. keine ahnung.
außerdem schmerzen im nacken, manchmal fast ein pochen. das herz. auch da ist alkohol nicht gerade hilfreich, denke ich. aber wer weiß das schon.
all die jahre, die ich diesen kopf tragen muss. ihn weder verstecken kann, noch hoch halten. oder einfach lassen.
wenn alles verschwunden ist, alle menschen, alle zeit, alle hoffnung. was bleibt dann noch?
seltsamerweise ist es nicht leere, wie ich geglaubt hatte. ein entgrenztes nichts, schiere verzweiflung, inmitten von schmerz. dieses inwendige verdrehen, wenn alles verlassen ist. dieser druck von unten gegen die kehle, der die stimme nimmt und die luft. und der feste griff von hinten in den nacken, gegen den ich zum ausgleich einen festem biss setze. wie verschraubt, wie eingefroren.
doch das ist es nicht. es ist das schlimmste, ja, eine stille last, meine starre. diese ständige spannung, ohne rettung, ohne richtung, ohne ziel. immer nur im kreis. ich kämpfe, doch ich kämpfe nicht. ich suche den weg. denn das ist es nicht, was bleibt.
was bleibt ist neue zeit. zeit wächst nach, wie aus dem nichts. so wie ich, seit immer schon.
kein schlechter tag im grunde, obwohl mir einiges daneben gegangen ist. manchmal geht es nicht anders, weil man es zu spät merkt. es nicht versteht oder erst stunden danach. manchmal ist es einfach so, wie es immer ist. nicht gut, aber nicht zu ändern, irgendwie. und deshalb schmerzhaft, immer wieder und wieder. aber dann weiß man am ende doch ein klein wenig mehr. über spiegelungen, zum beispiel, und den unterschied zwischen verwechslung und ergänzung. das ist übles zeug, bar jeder hoffnung.
ich ziehe mich immer mehr zurück. letzte woche bereits habe ich sämtliche körperliche begegnungen abgesagt, allen menschlichen realkontakt gestrichen. nicht weil ich es so will oder so soll. einfach, weil ich es nicht mehr ertrage, die hilfskontruktionen und ersatzhandlungen. daran gehe ich zugrunde.
ich gehe also in klausur.
gehe zurück in die welt, in der jeder moment mir gefährlich war. in der ich mir die einzigen menschen darin fernhalten musste, aus sicherheitgründen. auch wenn ich das als kind noch nicht wusste, tat ich das exakt richtige. ich gehe zurück in das elend, keine andere welt erkennen zu können, nicht am horizont, auch nicht am ende des tunnels. ich wusste nichts von einer welt, außer der, in der ich gefangen war.
von dort aus halte ich all mein wissen und meine erfahrung hoch. und sage, dass es unmenschlich ist, auf abstand zu menschen gehen zu müssen. unmenschlich, angst vor ihnen zu haben oder angst vor sich selbst. weil man selbst gefährlich ist, zwangsläufig, als mensch. es ist zwar genau so, immerzu, nicht nur jetzt. menschen sind einander gefährlich. aber das ist kein grund.
und das ist meine größte sorge in dieser so hauchzart grausamen zeit. dass all die jahre und jahrzehnte, in denen ich mich bemüht habe, das zu verlernen: dass alle und jeder mir jederzeit gefährlich werden können, wie auch ich ihnen. dass mir das verloren gehen wird, dass meine feinstruktur sich nicht wird wehren können gegen die grobe grunderfahrung meines lebens. die ewige angst vor den menschen.
denn menschen sind nicht menschen, weil sie einander misstrauen. sich voneinander fernhalten, in krieg und in angst. aller geschichtsschreibung zum trotz.
also das motorrad geholt, das noch immer nicht ganz fertig ist, aber tüv ist frisch, immerhin. das ist gut. eine kleine runde gefahren, diese leichtigkeit. so warm auch, kurz vor winter. auch im wind.
dann an metall herumgeschliffen, mit einer feile kanten abgerundet. an einem kleinen teil nur, das am ende eine verbindung für die neuen gardinenstangen im schlafzimmer werden soll. so richtig weiß ich noch nicht, aber das wird.
obwohl metall schleifen ist nicht mein liebstes. metall, wenn es warm wird oder heiß, riecht nach angst. es schmeckt sogar so, wenn man bei der arbeit den kopf darüber beugt und der feine schleifstaub sich auf die lippen legt. wie ein kuss.
metall riecht nicht nach leben. wie holz das tut. metall schmeckt einfach nicht, während ich holz mitunter kosten möchte. so gut riecht es.
metall ist nichts für mich, seine schärfe, die angst. nicht, dass ich das alles nicht kenne. mehr als das, ich kenne das gut.
wie mir nun alle sagen, dass ich auf mich aufpassen soll. vor allem, wenn sie von dem unfall hören. wobei der nun wirklich eigentlich nicht der rede wert, der vorgang an sich. vielmehr ist es die unfähigkeit, die dem zugrunde lag, die gleichgültigkeit. die leere im hirn, die letztendlich doch keine leere ist. noch nicht, leider. auch, weil ich mich immer noch aufrege, weil ich herumschreie. ungerecht und gemein, anmaßend bin ich. es ist noch nicht ganz zu ende.
vielleicht auch wegen dem buch, das ja noch immer nicht ganz fertig ist. das muss noch raus, gedruckt und abgeschlossen sein. freigelassen werden. und das wird wohl nicht gehen, ohne mein zutun. wie ich es auch drehe und wende, das wäre blöd. danach erst darf mich die leere füllen, dann muss ich nicht mehr. aufpassen. auf nichts, und auf mich schon gar nicht.
das ist gut zu wissen. das hält mich in dieser zeit.
bis dahin werden sie gut zu mir reden und zuraten, weil sie es besser nicht wissen. und wie leicht sie das sagen, dass ich aufpassen soll, auf mich. ich ganz allein. wie sie es fordern fast oder sich wünschen. für mich oder von mir, also im grunde für sich. das ist ihnen dasselbe. mir ist das egal, es läuft auf dasselbe hinaus.
als würde es helfen, das aufpassen. als wäre es dann gut, all das, was grundsätzlich nicht gut sein kann. weil es eben nicht gut ist. und als hätte ich das nicht immer schon getan, aufgepasst auf mich. ich ganz allein, seit über fünfzig jahren. es ist also echt mal genug jetzt, ich kann wirklich nicht mehr. egal, was mir aufgetragen wird. ich will das nicht. ich wollte das nie.
also lasst mich in ruhe. damit und sowieso, es ist zu spät. schon so lange. und in diesem jahr, endlich, ist es auch nicht mehr zu übersehen. und das macht gar nichts, das ist gut. immerhin.
überhaupt: was soll schon passieren!? jetzt noch?!
ich bin sehr erschöpft. die (wenigen) menschen, die ich treffe, sind auch erschöpft. ein jedes auf seine art, obwohl niemand darüber reden mag. das baut eine mauer zwischen uns. und ich sehe es doch. und ich schweige, ich trage mein eigenes gewicht. ich trage es immer, ich wachse daran bis zuletzt. das ist nicht das problem.
nur, dass ich nie teilen durfte in diesem leben. mein wissen, mein erkennen, mein erleben. zu fremd bin ich, zu intensiv, wenn ich all das bin. was ich wirklich bin.
ich möchte aufgeben. ich möchte fallen, jetzt, in den großen abgrund, das loch ohne boden. endlich.
aufwachen und aufstehen. mit der ersten bewegung wissen, wie es heute weitergeht. was also zuerst gebaut werden muss, für die winterpflanzenregale. die nun wirklich schnell noch fertig werden müssen, damit die balkonpflanzen reinkommen können.