am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

keine klagen (79)

das wars, die preise sind verteilt, und ich bin weitgehend zufrieden mit der auslosung. eine achtzigjährige hauptpreisträgerin, die über ihre mutter schreibt. coming of age einer ganz anderen art. da muss ich mich doch nicht mehr verstecken oder gar beschämen.

darüber hinaus bin ich durchaus nicht zufrieden. es ist vorbei, aber eigentlich wäre es noch nicht vorbei. ich wäre noch geblieben bis morgen. dann wäre ich weitergefahren, mit dem zug nach wien, um dort dann bis zum ende der woche zu bleiben. nichts bedonderes, einfach nur dort sein. ein paar leute treffen, die stadt, die mir seit jeher so viel bedeutet hat, warum auch immer, und die ich dennoch nur wenig, viel zu wenig kenne, besser zu verstehen. und um zu schreiben natürlich, den wienkomplex in meinem manuskript auf den punkt zu bringen.

das alles also nicht, das ist enttäuschend. stattdessen ist jetzt hier viel arbeit, und nichts davon hat mit schreiben zu tun. sehr im gegenteil sogar.

in neukölln war es relativ ruhig heute, bis gerade eben. jetzt scheppern aus der unmittelbar gegenüberliegenden wohnung irgendwelche stupiden techno beats, wie seit wochen schon immer wieder mal. vom balkon aus sehe ich durch das offene fenster einen halbnackten, bärtigen typen, der seelig in seinen simplen takten schaukelt. es sei ihm gegönnt. mir aber machen die mich erreichenden, banalen schläge den balkon unbenutzbar, einstweilen. diese computerbedingte exaktheit, frei von jeder subtilität, das ist eine beleidigung für die ehemalige hobbypercussionistin in mir. auch wenn das jetzt schon über zwanzig jahre her ist. das war noch bevor ich es wirklich und ernsthaft mit dem schreiben angehen wollte. das ist fast schon ein anderes leben.

also, wenn schon elektronische beats, dann wie die von björk damals.

bitteschön:

keine klagen (78)

das mit dem balkon hat nicht geklappt. ich war zu faul, rechtzeitig aufzustehen, und wollte dann doch lieber kaffee. also habe ich kaffee gemacht, statt den empfang für ein stabiles public viewing auf dem balkon auszurichten. das hat sich schließlich sogar als gar nicht so falsch herausgestellt. zum einen kommen am samstag drei verschiedene lieferungen für den späti auf der ecke unter meinem balkon an. einmal ein eiswagen, bei dem natürlich die kühlung weiterläuft. dann zweimal getränke, die auf paletten geliefert mit einem hubwagen über die kopfsteinpflasterkreuzung gescheppert werden. neukölln ist laut. zum anderen ist heute irgendwie kein sommer. morgens hat es geweht, am nachmittag dann geregnet. jetzt regnet es noch immer.

trotzdem. heute, am letzten tag, dann doch noch einigermaßen hineingefunden in das zuhören, diese andere welt der literatur. gerade gut genug, um am ende enttäuscht zu sein, nahezu gekränkt. dass es nun vorbei ist, ohne dass es mich abgeholt hätte oder auch nur erreicht. berührt, so wie sonst eigentlich immer, seit jahrzenten. auch damals, als ich noch nicht einmal im traum daran gedacht hätte, persönlich nach klagenfurt zu reisen.

es waren gute texte dabei heute, einer rhythmisch dynamisch vorgetragen und gleich im anschluss ein beinah hingehauchter. nein, das ist jetzt sicher übertrieben, es hat in der abfolge wohl nur so gewirkt. aber gestern hat mir fast alles besser gefallen, besonders die beiden älteren darsteller. ich meine: autor*innen. die jury dagegen, ich weiß nicht. einige schienen mir durchweg unzufrieden mit dem zwangsläufig digitalen format. ich kann das verstehen. es hat den streit einerseits gefördert, dessen ausleben dann allerdings verunmöglicht. wie das so ist im netz.

die umsetzung im studio dagegen hatte was. ich hätte öfter hinsehen sollen, statt so viel im twitter herumzusuchen. was aber lustig wardie einsame anwesenheit der juror*innen, jedes für sich in seinen zimmerchen. ihre verzweifelten interaktionen, wie vor den bildschirm geworfen. dazu die jeweiligen autor*innen, immer doppelt. einmal die aufgezeichnete lesung, dann noch das livebild von irgendeinem sofa. schweigend mit diesen weißen kopfhörerkabeln, die aus den ohren zu kriechen scheinen. ach, und anko mit seinem blümchen und dem herrn magister. das hatte was.

das war schon ganz gut so und schön. so gut es eben ging, denke ich mal. obwohl auch das eine oder andere schiefgegangen ist. peinlich war aber nur eines: der moment, in dem ein juror gleich zu anfang, also ohne jegliche vordiskussion, die autorin nach dem sinn ihren textes zu fragen versuchte. was diese klugerweise ablehnte. das hat es schon einmal gegeben, letztes jahr oder das davor. ich saß im saal, und es war zu spüren, dass es mit ratlosligkeit, mit verzweiflung fast zu tun hatte. sie wussten nicht weiter, so war es eher eine frage um hilfe. auch das war sinnlos, aber es hatte stil. in diesem jahr war es nur armselig.

nach leseschluss war ich müde, musste aber raus, zum einkaufen. bro und sala. gestern hatte ich kurz überlegt, ob ich anschließend schnell zum optiker, zum noch ausstehenden sehtest fahren sollte. das hatte ich aber heute längst wieder vergessen, außerdem regnete es. nicht wirklich ein hinderungsgrund, aber. gut so.

zu fuß durch den regen, musik von babylon berlin in den ohren. und in meinem kopf die radstrecke raus zum wörthersee, den staubigen kies am lendhafen und all die anderen wege und strecken in klagenfurt. die ich so gut kenne, dass mein körper sie zu gehen meint. wenn ich doch nur hier gehe.

am meisten aber fehlen die menschen, diese welt, der ich ich langsam genähert habe, über jahre hinweg. jetzt ist sie wieder verschwunden.

zum glück weiß ich es besser.

müde bin ich dennoch.

keine klagen (77)

spät ist es geworden, wieder habe ich vieles erledigt. statt in ruhe zu versinken, in meinem hiesigen klagenfurt in diesem jahr. so etwas funktioniert nicht mehr, wenn ich zu hause bleibe. dann ist immer alles erst erledigung und dann arbeit. oder umgekehrt. heute waren es ein paar emails und diese immerwährende organisation im hirn, diese hölle, wenn viel ansteht. zu viel, aber es hilft ja nichts.

die texte habe ich dennoch einigermaßen ungestört genossen, wenn auch ganz anders als sonst. mit mehr twitter dabei und ohne ausgedruckte version. nicht die beste kombination. deshalb ist mir auch die jury diesmal wesentich bewusster als die autorenschaft. auch das ist blöd, hab ich später gemerkt. da ist nicht, was ich will.

obwohl ich zu den texten ja nie viel sage, oder zumindest seit einiger zeit nicht mehr. aus der kritik halte ich mich raus, zumindest öffentlich. ich bin selbst autorin, nur auf textarbeit lasse ich mich gelegentlich ein. aber diesmal hab ich auch dazu zu wenig text zu fassen gekriegt.

einiges ließe sich sagen über jury. inbesondere über das eine, neue element, das dieser tage so viel unruhe stiftet. aber auch das lohnt sich nicht so recht, habe ich den eindruck. ich könnte spekulieren über den jungen mann, der allerdings gar nicht so jung ist, wie ich soeben feststellen muss. himmel, er scheint von dem gemüt eines endzwanzigers, womöglich auch dem hormonspiegel eines teenagers geschüttelt zu sein. schlimm! manche männer schaffen es eben nie, über das eigene desaster hinauszublicken.

morgen will ich es besser machen, versprochen. vielleicht setze ich mich auf den balkon, mache heimisches public viewing. nur weg vom computer, könnte sein, das gerade das hilft, keine ahnung.

aber eines ist jetzt schon klar: dieses jahr ist verloren. nirgends ist es so schön wie am lendhafen.

keine klagen (76)

natürlich ist es so gut wie unmöglich, die gleiche ruhe und entspanntheit, diese völlige verfallenheit in literatur zu erreichen, wie das vor ort der fall ist. in klagenfurt, am lendhafen vor allem. ich weiß gar nicht, wie ich das früher gemacht habe, als ich noch nicht jahr für jahr im sommer extra angereist bin. ein extravaganter urlaub, am anfang weit jenseits meiner kapazitäten, und auch heute noch eine durchaus kostspielige angelegenheit, zumal ich im letzten jahr angefangen habe, einen aufenthalt in wien anzuschließen. einen richtigen, nicht nur die warterei am flughafen.

nun ja, in diesem sommer ist es billig. ich sitze in meinem wohnbüro, an meinem schreibtisch, wo ich immer sitze, zumindest in den letzten monaten. die rundfunk- und fernsehgebüren sind bezahlt, das internet sowieso. und ich versuche mich zu erinnern, wie das denn früher war. als ich sowieso immer nur vor dem fernseher saß, weil ich gar nicht wusste, dass man da einfach so hinfahren kann. damals ging es am mittwoch schon los, und ich war wie gebannt, die ganze zeit. vermutlich habe ich da einfach noch nicht so viel gearbeitet.

heute also sitze ich an meinem arbeitsplatz und muss noch ein bisschen was erledigen, ich bin spät, also reichen die erledigungen weit in den ersten text hinein. in die diskussion auch noch und dann in den zweiten text. das wäre am lendhafen nicht passiert. ich schaue auch viel mehr nach twitter, was ich in en letzten jahren überhaupt nicht mehr gemacht habe. da waren die leute ja da, irgendwann später. am see oder am hafen. unweigerlich. stattdessen habe ich nur noch in die texte geschaut, die es vor ort ja immer gibt. hier ist es anders, und es bleibt anders. in der mittagspause gehe ich zum späti, um ein paket abzuholen. dann rette ich die tomaten auf dem balkon mit einem eimer wasser. meine tomaten, mein wasser. mein neukölln. so richtig glücklich bin ich nicht damit.

ein wenig hatte ich mir gedanken gemacht, wie es wohl sein würde, das alles auf einmal wieder so zu erleben. es zu hören und zu sehen, ohne das gefühl, dass sich all das ganz in der nähe befindet. das bild, der ton würde doch dasselbe sein. dachte ich. aber zum einen kann ich insbesondere im lendhafen wegen der sonne oft gar kein bild erkennen, da höre ich vorwiegend zu und lese ein wenig mit. zum anderen ist ja in diesem jahr alles anders. es wird nicht live gelesen, die lesungen sind aufnahmen im bühnenbild mit schnitt und zusammenschnitt. zum anderen ist die jury von null auf hundert ziemlich auf krawall gebürstet. quasi vom ersten test an, angestachelt durch den neuen jungspund im team. das klingt so ganz anders, wenn die sich digital angiften.

was den jungspund angeht, so weiß ich noch nicht genau. könnte sein, dass hier und da etwas dran ist an dem, was er von sich gibt. bislang brint er es aber nicht rüber. morgen werde ich mal besser hinsehen müssen.

morgen werde ich auch ein wenig mehr ruhe haben, hoffe ich. hab noch einiges erledigen können, nachdem die lesungen vorbei waren und ich ja nicht an den see zur bürgermeisterin musste. ich meine: durfte. sogar die mal wieder eilig zwischengeschobene spontanübersetzung ist grob durch.

ja so ist das hier. alles erledigt. ich auch.

ich wünschte, es wäre anders. alles.

keine klagen (75)

wie könnte ich nicht in diesem jahr? klagen!

ich muss, denn ich bin nicht dort, in klagenfurt, weil (so gut wie) niemand dort ist. alle sitzen sie mit ihren ohrstöpseln vor irgendwelchen mehr oder weniger wohl gewählten hintergründen. das inzwischen so vertraute studio ist dunkel und leer, so gut wie zumindest.

am montag wäre ich nach münchen aufgebrochen, hätte dort den dienstag mit netten menschen verbracht und wäre heute mit dem zug durch die berge gezuckelt, um pünktlich zur lesung der stipendiaten im musilmuseum, gleich gegenüber dem bahnhof, einzutreffen. dann wäre ich in meine absolute lieblingsunterkunft zwischen studio und lendhafen eingekehrt, die ich mir für dieses jahr frühzeitig hatte sichern können. eine schnelle dusche, das rad holen, einkaufen und los zur eröffnung.

stattdessen habe ich am vormittag ein paar termine abgeklapppert, arzt, optiker usw. gegen mittag in friedrichshain in einem restaurant gesessen und gegessen, ohne meinen namen und meine adresse verraten zu müssen. wieder zuhause in aller eile ein wenig von dem arbeitschaos sortiert, immerhin, das mich nachhaltig umgibt. und schließlich so gerade eben noch den link zum livestream der bachmannpreiseröffnungsveranstaltung gefunden.

danach dann wieder an die arbeit. was sonst? es ist erschreckend. aber so endlich das chaos ein wenig gelichtet, ich weiß nicht einmal wie. mit kompetenz vermutlich. es wirklich lichten können, also leichter gemacht. für zwei oder drei tage vielleicht.

wenn das kein grund zum klagen ist.

#insight

der sommer ist da, die menschen sind zurück. viele menschen, junge menschen, und sie sind laut. sofort möchte ich weg hier, diese wohnung nehmen, als wäre sie mein körper, und mich darin fortbringen. in meine schöne, ruhige schreibgegend vielleicht, wo es nicht menschenleer sein wird, um diese zeit, jetzt. aber doch ruhig, sogar das licht.

dabei ist heute erst dienstag. dabei ist gerade erst juni.

auch das virus kocht sich hier auf, heimlich, still und leise. noch ist es eingesperrt, aber das ist eine gute gegend. so viele menschen, die sich ahnunglos geben. ich werde tief atmen müssen. und lachen und träumen, damit sich das zurechtrückt in mir. ich werde zu hause sein, die meiste zeit. wie in den letzten wochen und wochen und wochen. ich werde auf dem balkon tanzen, ab und zu mit dem boot fahren oder dem motorrad, und ich werde arbeiten bis spät. so viel arbeit, immerzu.

danach werde ich schreiben, endlich wieder. auch das ist arbeit, aber das zählt nicht. das ist glück. auch das sind nächte. wirkliche nächte, verbracht in den worten und wahrheiten. im unfassbaren. so waren meine nächste von anfang an.

drei bis vier menschen werde ich gelegentlich treffen, so wie immer. ich werde sie begrüßen wie immer, wenn es geht. ob ich tango tanzen werde, weiß ich noch nicht. aber ins büro werde ich gehen, nächste woche, wenn die begegnungsbeschränkungen auch in berlin aufgehoben sein werden. fürs erste.

doch neue menschen, fremde menschen, die zu vertrauten werden, wird es nicht geben. das ist schade.

es wäre an der zeit.

bonding (113)

gerade ist einfach nicht die zeit zu schreiben. ich muss arbeiten, einerseits im büro, auch wenn das immer noch hier bei mir zu hause abläuft. andererseits sitze ich mitten in einem mächtigen übersetzerding. langweilig und langwierig, gerade deshalb gefährlich. da gibt es nichts nebenbei, keine träumereien. nur ein bisschen bauen und ordnen vielleicht. das hilft auch fürs gemüt.

schreiben wäre besser. ich weiß, dass es nicht außer reichweite ist. ich muss nur aufsehen, dann sehe ich. aber ich soll eben nicht, ich mache nit einmal notizen. das könnte ein fehler sein, aber es würde mich hinaustragen. hinein in den text. das geht nicht, das muss ich vermeiden, noch vier bis sechs wochen vielleicht.

dann wieder, wenn ich nur denke, nicht aber sehe. dann denke ich, dass alles nur banal ist, was ich da geschrieben habe, über zwei, drei, sieben jahre. dass es keine tiefe hat, keine welt, nur eine einfache geschichte. so wie alles. das ist doch nichts.

das ist nicht neu.

den tag mit scherben begonnen. eine kleine müslischale aus glas ist in stücke zerfallen. nicht tief, dreißig zentimeter vielleicht. wenn überhaupt. aber viele stücke glas waren das, winzig zum teil. glassplitter, nadelscharf. was für eine freude, eine schönheit.

dann viel getan, wenn auch viel zu spät. alles. aufgestanden bin ich erst so gegen elf, als der postmann klingelte. das ist ja her selten in letzter zeit. leider.

übersetzt, aber nicht genug. unzufrieden. den balkon gegossen, später dem regen gelauscht. ja, ich muss gießen, auch bei regen. mein balkon ist ein zimmer, er hat zweieinhalb wände und ein dach. wunderbar. den müll entsorgt, das ist wichtig, das vergesse ich gerne. das steht manchmal sogar auf meiner liste der wichtigen dinge. peinlich. anschließend neue griffe an den schreibtisch geschraubt, ein zufallsgeschehen. muschelgriffe, die ich eigentlich für etwas ganz anderes gedacht hatte. sehr fein. zuletzt den neuen tv-receiver eingerichtet, der gestern schon angekommen ist. das war überraschend einfach. im grunde brauchte ich ja nur dieses gerät, das nebenbei noch aufnahmen machen kann. jetzt habe ich zusätzlich fast überall so ein gestochen scharfes hd-bild. ich weiß nicht, ob ich das mag.

so schaue ich jetzt in die usa, gestochen scharf. es ist zeit, es ist sowas von zeit, für das, was dort jetzt geschieht. es ist gut und richtig und nötig. es wichtig, es muss sein. endlich. und ich würde rasen vor überwältigung, mich totfreuen unter anderen umständen. wäre da nicht dieses virus, das immer noch überall überall mittanzt. das ist nicht gut, das ist nicht gut, so denke ich die ganze zeit. das ist absurd.

doch es geht nicht anders. und ich verstehe, dass menschen dieses risiko außer acht lassen, also ihr leben vielleicht riskieren. weil ihr leben ohnehin bedroht ist.

ohne rücksicht. ich verstehe das gut.

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