am anfang war das wort eine mischung aus wahrnehmung und klang

going (27)

das mit dem namen habe ich gelassen. der, der da steht, ist der richtige für diese person. ein wahnsinn, das jetzt ändern zu wollen. später vielleicht, einstweilen geht es so weiter.

gestern eine halbe seite, heute weiter bis zur fünften, es geht also voran im achten kapitel. das ist gut, kommt mir aber mickrig vor. andererseits überwältigend, de facto verwirrend. sehr. zum wiedereinstieg in den text habe ich tief gerührt in dem instrument, das ich bin. zu wild vielleicht, zu tief in den urgrund gestoßen. ich bin überrascht, plötzlich, wie trunken.

mich also wiedergefunden, aus dem text gerissen, im letzten moment, umgeben von einem zustand, der jahrzehnte zurückliegt. kein unbekanntes sein, ende zwanzig, anfang dreißig, irgendwo zwischen wuppertal und england. so war das, damals, so fühlte es sich an. aber was?

das ist eine neue art der erinnerung, die nicht aus mir zu wachsen scheint, sondern mich umgibt, für eine weile nur, eine gewisse zeit. dann verfliegt er wieder, ich weiß es noch während ich mich daran berausche. wie ein duft oder ein hauch, der dennoch tief eindringt. ohne spuren zu hinterlassen.

jetzt ist es wieder weg. (und läßt sich kaum mit worten fassen, daß es das noch gibt.)

ich bin nicht die, über die ich schreibe, in deren namen ich spreche. ich bin etwas anderes, zum teil etwas sehr anders. ich habe keine kinder, diese verantwortlichkeit ist mir fremd. meine sehnsucht nach familiärem zusammenhalt oder auch nur nach erklärungen diesbezüglich ist gering, im grunde nicht mehr existent. ich suche nicht nach verbindlichkeiten, die sich über jahre erstrecken, vertiefen. oder irre ich da?

nein, ich bin anders, weil ich es will. meistens jedenfalls, das ist mein recht, mein verdienst. doch wir teilen eine traurigkeit, soviel habe ich verstanden. wir teilen diese verlassenheit. das verbindet uns.

jetzt: lassen. es lassen.

grace

kein mensch liegt ohne schicksal in der sonne. denke ich heute, wo mein eigenes mir auf einmal so nachhaltig leicht erscheint. nach all den jahren, so wunderbar passend und gnädig fast.

going (26)

pause gemacht, viel zu lange. doch da war arbeit plötzlich, schöne und gute arbeit, sauber bezahlt. das muß dann eben sein. dazwischen wachsen die zweifel, an mir und am text vor allem. dieser text, so grob noch, so roh, der mir dennoch mehr und mehr entgleiten mag. ich greife nach den letzten fetzen, nach der figur zum beispiel, deren namen ich leider unbedingt ändern muß. nicht weil ich das so gerne will, im gegenteil, der jetzige name ist mehr als gelungen. aber weil ich jemanden kenne, der so heißt. eigentlich kein problem, so dachte ich die ganze zeit. und konnte nicht aufhören, das zu denken. es ist also doch ein problem, es beißt mich einfach, das ist blöd.

ich suche also einen kurzen, möglichst nur zweisilbigen namen, der nicht auf a endet und nicht besonders modern ist. ich finde zwei, einen der formal paßt, sich gut spricht und auch eine bedeutung hat, wenn man nachschlägt. einen anderen, der mir paßt, der sich auf verschiedene weise kürzen läßt, facettenreich also, der aber in der grundform nicht klingt. was nun? über nacht sollte ich das klären, wenn ich morgen weiterschreiben will.

das achte kapitel, da spielt dieser name eine rolle. es geht um den mond, vielleicht. und die liebe.

reparieren

fahrradflicken, der klassiker. das, was ich als kind zuerst allein zu erledigen gelernt habe. so dachte ich eben, bin aber nicht sicher, ob das stimmen kann. vermutlich habe ich schon vorher sachen zusammengeklebt oder festgenäht, irgendwie. trotzdem. ich erinnere das erlernen eines komplexen vorgangs, verbunden mit diversen kraftanstrengungen. ich erinnere so manchen fehler, den ich damals einmal oder mehrfach gemacht habe, aber jetzt nicht mehr. jetzt kann ich es.

ich kann nicht nur das loch finden und flicken, ich kann auch den fehler im system aufspüren und damit die ursache beseitigen. grünes glas diesmal, ein feiner splitter, steckte tief im mantel fest. hat sich somit erledigt. ich lasse ihn heute nicht mehr drin und lasse damit zu, daß er weitere löcher sticht, eines neben dem anderen, die dann neuer pflege bedürfen. ich suche auch nicht mehr ungeschützt, mit bloßen händen danach und reiße mir so die haut auf. ich suche mit den augen, der lesebrille neuerdings, wie ich das loch meist mit den ohren finde, mit der haut auch, gar nicht unbedingt im wasser.

wasser kommt oft ganz zuletzt, nur zur sicherheit. vielleicht. wasser ist unklar, im wasser verliert sich jede strategie. wasser ist das ende der reparatur.

im wasser beginnt die heilung.

zum ersten mal tango in der strandbar mitte, leider ziemlich verregnet. ein recht kleiner, recht grober holzboden, umgeben von ein paar tischen, ein paar treppen und einem weg am wasser. viele zuschauer überall und ein paar könnerpaare auf der tanzfläche. dazwischen irgendwo ich, darunter eher, keine besondere könnerin, traue ich mich trotzdem, ein wenig zumindest. den rest der zeit schaue auch ich.

ein tänzer ist da, der seine tänzerin anschaut, wie ein stierkämpfer seinen stier. ich weiß ja nicht.

auf dem rückweg, voll verregnet, denke ich mehrfach: was, wenn ich jetzt einen platten habe? auf dieser strecke? bei diesem regen? da möchte ich nicht gern laufen und schieben. dann habe ich plötzlich einen hinterradplatten, zum glück erst kurz vor neukölln. und zum glück nur am fahrrad, da hab ich dann morgen wieder was zum reparieren. da freue ich mich doch.

und es regnet immer noch.

befinde mich im reparatur- und sortiermodus, schaffe platz und ordnung um mich herum. systemveränderungen, so könnte man sagen, aber das ist vielleicht ein wenig viel. verschobene wertigkeiten, das paßt wohl besser. was immer mir unmittelbar erreichbar ist, muß gerade möglicherweise dran glauben.

das macht spaß, immer wieder, wenn es passiert. auch daß das küchenradio nun wieder reibungslos funktioniert, die fernsehsender sinnvoll sortiert und bücher umgeschichtet sind, diverse schrauben angezogen und scharfe kanten abgeschliffen, einge haken und ösen sitzen endlich auch wieder fest.

ich befinde mich wohl, könnte man sagen. und das ist nicht wenig, das ist viel.

elefanten

die umstrukturierung meines tv-empfangsystems hat mich mit überraschend mit ganz neuen programmen zum nächtlichen herumzappen ausgestattet. dabei auch etwas, das sich sat.1 gold nennt, und offensichtlich ein ableger von sat.1 ist. jedenfalls gibt es dort längst verbrauchte talkshows in wiederholungsschleife und alte serien, zum teil sehr alte serien. so landete ich kürzlich nachts mitten in einer bonanzafolge, auf der ponderosa meiner frühen kindheit also.

little joe hatte schwierigkeiten mit seinem lieblingsgewehr, das ihm abhanden gekommen war. genaugenommen war er auf einen felsen geklettert und hatte es docht noch höher hinauf geworfen, warum auch immer. anschließend traute sich dort nicht mehr weiter hoch, soweit das dilemma. es war sehr lustig, das wiederzusehen, diese plumpe schauspielerei, die starren dialoge und die irre musik. unglaublich, beschämend schlecht, was mich damals in seinen bann gezogen, mich fasziniert und tief beschäftigt haben muß.

tatsächlich hat es meine welt geformt, zu einer zeit als ich von welt noch nichts wußte. in einer szene, in der little joe mit seinem bruder hoss nicht ritten, wie man in einer westernserie meinen könnte, sondern mit einem pferdewagen durch die prärie fuhren, kam mir weit entfernt, kaum fassbar im grunde, die erinnerung an spielszenen, die ich daraufhin entwickelt haben muß. mit spielzeugautos anstelle von kutschen, die auf den mustern des heimischen teppichs umherfahren. mit sand im sandkasten, mit grasbüscheln auf der wiese, mit steinen und stöcken und stimmen, in denen die eigenen szenen sich belebten. an die erinnere ich mich nicht. es ist die erinnerung an eine erinnerung, ein hauch nur, das ist alles.

das ist genug. die erinnerung an sein, an kindsein. die erinnerung an existenz und leben, grundlegend, wie es sich bewegt, diese unglaubliche sensation, nicht nur der körper, nicht im körper im grunde. wie sich alles bewegt, allein durch wahrnehmung und denken, durch herumspinnen und träumen. dieses innere ausweiten, ausloten, vertiefen, dessen menschen fähig sind, selbst kinder schon. gerade die kinder.

heute wird mir besonders gerne, mit großer freude mitunter, vorgeworfen, ich hätte nichts aus meinem leben gemacht, aus meiner kraft, meinem potential, aus dem, was mir geschenkt ist. ich bin nicht und war nie besonders erfolgreich, das stimmt. vermutlich, vielleicht. auf den ersten blick. ich selbst werfe mir das vor, viel zu oft womöglich, ein recht dazu habe ich nicht, ich weiß, daß ich beschenkt bin. mit der gabe, mich zu erinnern, tiefer und weiter als die meisten. ich bin ein elefant.

und ich möchte nicht tauschen mit denen, die erfolgreich sind im vergessen. niemals.

zugewinn

trotz meiner nachhaltigen weißhaarigkeit und diversen anderen, deutlich sichtbaren alterserscheinungen, bin ich bislang noch niemals als alt gebashed worden. was möglicherweise daran liegt, daß man, wenn ich auf dem mottorad unterwegs bin, nicht wirklich viel von mir sieht. dennoch prangere ich das an, ist es mir doch seit jeher ein tiefes bedürfnis, endlich meinem wahren alter ein klein wenig näher zu kommen, ihm quasi entgegenzuwachsen im leben. was letztendlich für alle beteiligten ein gewinn sein dürfte.

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